Die Ausgrabungen zwischen 1985 und 1990 bilden den absolut zentralen Meilenstein im größeren Kontext der archäologischen Erforschung des Klosters Disibodenberg. Sie markieren den entscheidenden Wendepunkt, durch den die von der Natur überwucherte, wildromantische Ruine zu einem wissenschaftlich fundierten und baulich gesicherten Kulturdenkmal wurde.
Die wegweisenden Ausgrabungen (1985–1990) Nachdem das Gelände jahrhundertelang als Steinbruch missbraucht und im 19. Jahrhundert lediglich als englischer Landschaftspark inszeniert worden war, begannen im Jahr 1985 die ersten systematischen und umfangreichen archäologischen Grabungen. Diese wurden vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz in Mainz unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Günter Stanzl durchgeführt. Parallel zu den Grabungen fanden auch unerlässliche bauliche Sicherungsarbeiten statt, um den weiteren Verfall der Anlage zu stoppen.
Zentrale Funde und historische Erkenntnisse Im Zuge dieser ersten großen Forschungskampagne konnten wichtige architektonische Strukturen freigelegt und herausragende Funde gesichert werden, die das Wissen über das Kloster massiv erweiterten:
- Mittelalterliche Grabplatten: Ein absoluter archäologischer Höhepunkt war die Entdeckung von mehr als 60 kunsthistorisch bedeutsamen mittelalterlichen Grabplatten, die primär im Bereich des ehemaligen Kapitelsaals und des Kreuzganges gefunden wurden. Der Forscher Dr. Eberhard J. Nikitsch von der Akademie der Wissenschaften in Mainz war für die Publikation dieser Platten zuständig; er übersetzte ihre lateinischen Inschriften und fügte dadurch zahlreiche neue Puzzlesteine zur Geschichte des Klosters zusammen. - Hildegards erste Klause: Die akribischen wissenschaftlichen Forschungen halfen zudem dabei, den archäologischen Ort der ersten Wohnstatt – der Reklusenklause – von Hildegard von Bingen auf dem Berg ausfindig zu machen.
Bedeutung im größeren Kontext der Archäologischen Erforschung Im Gesamtkontext der archäologischen Erforschung bewiesen die Grabungen zudem eindrucksvoll die sakrale Kontinuität des Ortes, die weit vor die christliche Zeit zurückreicht. Die Erforschung des Bodens belegte, dass die Kelten auf dem Bergplateau bereits ein Waldheiligtum unterhielten, welches im Anschluss von den Römern zu einem Jupitertempel ausgebaut und monumentalisiert wurde.
Um all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen, wurde zur Feier des 900. Geburtstags von Hildegard von Bingen im Jahr 1998 am Fuße des Berges ein barrierefreies archäologisches Museum eröffnet. Dieses Museum fungiert heute als unmittelbare Brücke zwischen der archäologischen Forschung und der Gegenwart: Es präsentiert die bei den Grabungen entdeckten Funde aus der Römerzeit, mittelalterliche Alltagsgegenstände und vor allem hochfeine gotische Steinmetzarbeiten aus der Zisterzienserzeit, die einen greifbaren Eindruck davon vermitteln, wie prächtig und feindekoriert die einstige Abteikirche wirklich war.
Die archäologische Erforschung ist jedoch kein vollständig abgeschlossenes Kapitel. Die Quellen betonen, dass die heutige Disibodenberger Scivias Stiftung weiterhin Forschungsarbeiten auf dem Gelände fördert. Zudem machen Fachexperten wie Dr. Nikitsch auf speziellen Führungen die archäologischen Geheimnisse der Anlage für moderne Besucher immer wieder lebendig.