Wahrschau im Mäuseturm (bis 1974)

Die Wahrschau im Mäuseturm (auf Rhein-km 530,1) war über ein Jahrhundert lang ein zentrales Element zur Sicherung der Rheinschifffahrt am gefährlichen Binger Loch. Da die Fahrrinne an diesem Felsenriff extrem eng und unübersichtlich war, wurde im Jahr 1855 in dem historischen Wehrturm auf der linksseitigen Rheininsel eine Wahrschaustation eingerichtet, da man von dort einen großen Abschnitt des Flusses gut überblicken konnte.

Historische Signaltechnik mit Flaggen und Körben Um Begegnungen an der Engstelle zu vermeiden, regelten die Wahrschauer im Mäuseturm den Berg- und Talverkehr, indem sie optische Signale an Stangen aus dem Turm heraushängten, die bei Dunkelheit auch beleuchtet wurden. Gemäß der Rheinschifffahrtspolizeiverordnung von 1910 wurden bergfahrende Schiffe durch das Aufziehen von Flaggen vor dem Gegenverkehr im Tal gewarnt, wofür ein präziser Code galt:

- Eine rote Flagge kündigte ein einzelnes talfahrendes Schiff an. - Eine weiße Flagge kündigte einen Schleppzug an. - Eine Kombination aus weißer und roter Flagge warnte vor einem großen Holzfloß (diese Flöße wurden gegenüber an der Zollmauer angemeldet).

Da es zu dieser Zeit das baulich getrennte „Zweite Fahrwasser“ gab, mussten die Wahrschauer auch diesen Bereich differenziert regeln: Für den Verkehr im Zweiten Fahrwasser zeigten sie anstelle der Flaggen gleichfarbige Körbe. Diese optischen Signale unterstützten die Arbeit der örtlichen Rheinlotsen maßgeblich.

Unbenutzte moderne Lichtsignale Während des großen Rheinausbaus in den 1960er Jahren plante man ursprünglich, den Verkehr durch den Bau eines dritten, mittleren Fahrwassers zu entflechten. Für dieses Drei-Rinnen-System wurden am Mäuseturm sogar schon moderne Lichtsignaltafeln installiert. Da sich die Schifffahrt jedoch weiterentwickelte (u.a. durch große Schubverbände) und man stattdessen eine einzige große Rinne baute, blieben diese modernen Signalanzeigen ungenutzt, waren aber noch bis in die 1990er Jahre am Turm zu sehen.

Das Ende der Station (1974) Die Notwendigkeit der Wahrschau am Mäuseturm endete schließlich mit der Vollendung des großen Rheinausbaus. Indem man eine 120 Meter breite Fahrrinne aus dem Fels brach, verlor das Binger Loch seinen Schrecken und Begegnungen von Schiffen wurden auch ohne Verkehrsregelung gefahrlos möglich. Am 5. September 1974, dem Tag der feierlichen Einweihung der ausgebauten Strecke durch den damaligen Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle, wurde der Wahrschaubetrieb im Mäuseturm endgültig eingestellt.


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