Im Strukturmodell des Menschen als vernetztes "System-Element" ergibt sich die systemische Mitverantwortungzwingend aus seiner radikalen Eingebundenheit in den Kosmos. Weil der Mensch kein isolierter, autarker Herrscher ist, sondern ein in die Biosphäre verschränktes Subsystem (ein Holon), hat sein Verhalten unausweichliche Konsequenzen für das gesamte Metasystem.
Die Quellen konkretisieren diese systemische Mitverantwortung durch folgende Aspekte:
1. Vernunft als Quelle der Verantwortung Im Gegensatz zu den Tieren und Pflanzen, die fest an ihre Instinkte und naturgegebenen Grenzen gebunden sind, besitzt der Mensch als System-Element Vernunft (Rationalitas) und Gestaltungsfreiheit. Er überragt dadurch die übrige Kreatur, was ihm jedoch kein Recht zur rücksichtslosen Ausbeutung verleiht. Vielmehr ist diese Freiheit die Quelle seiner unhintergehbaren ökologischen Verantwortung.
2. Mitverantwortung für den Gang der Welt Der Mensch ist umfassend "verantwortlich für sein eigenes Leben, für seine Mitmenschen, für die Umwelt und für das Universum". Da die kosmische Ordnung darauf ausgelegt ist, dass Gott seine Schöpfung durch das Wirken des Menschen aufblühen lässt, ist der Mensch "mitverantwortlich für den Gang der Welt". Seine Eingebundenheit in das Netzwerk der kosmischen Rhythmen ruft ihn fortwährend zur aktiven Verantwortung in und für die Schöpfung auf.
3. Laster als systemische Pflichtverletzung Im Lichte der modernen Systemtheorie wird unethisches Verhalten bei Hildegard nicht als reiner moralistischer Regelverstoß interpretiert. Das Laster (vitium) ist vielmehr ein "existentieller Entzug aus der systemischen Mitverantwortung für das Ganze". Es ist die Weigerung des Menschen, seine vernunftbegabte Rolle im Lebensnetzwerk auszufüllen. Entzieht er sich dieser Verantwortung – etwa durch blinde Gier, Maßlosigkeit oder Ausbeutung –, stört er das labile Gleichgewicht der Naturkräfte. Dies führt zu einer Kaskade zerstörerischer Rückkopplungen, durch die sich die natürlichen Elemente gegen den Menschen selbst wenden und sein System mit Krankheiten oder Naturkatastrophen belasten.
4. Das Wirken mit der Kreatur (Opus cum creatura) Systemische Mitverantwortung erfordert eine Praxis des gemeinsamen Wirkens. Anstatt die Natur lediglich utilitaristisch als Rohstofflager für das eigene Überleben zu benutzen, soll der Mensch in Einklang mit ihren Kräften arbeiten – als "Mensch mit der Kreatur" (homo cum creatura bzw. opus cum creatura). Dies schließt die Anerkennung ein, dass jedes Geschöpf, ob Tier, Pflanze oder Element, einen von menschlichen Zwecken unabhängigen Eigenwert und ein eigenes Lebensziel in Gott besitzt.
5. Wiedereinbettung und Erhalt der Vielfalt Als Konsequenz aus dieser tiefenökologischen Verflechtung fordert die systemische Mitverantwortung eine radikale Wiedereinbettung des Menschen in die Ordnung der Natur. Um das eigene physische und psychische Heil zu bewahren, muss der Mensch seine Gestaltungsfähigkeit als verantwortungsvoller Co-Kreator einsetzen. Die Erhaltung der Biodiversität und die Pflege des Biosphären-Netzwerks sind dabei keine wohltätigen Nebenaufgaben, sondern die Grundvoraussetzung, um die lebenserhaltende Grünkraft (Viriditas) des Systems vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren.