Im wissenschaftlichen Kontext des Systemvergleichs bildet die Synthese von Ethik und Empirie den zentralen Gegenentwurf zur wertneutralen, mechanistischen Naturwissenschaft der Moderne. Während das klassisch-neuzeitliche Paradigma eine strikte Trennung zwischen objektiver Faktenforschung und moralisch-normativen Werten vollzog, begreift eine ganzheitliche Naturphilosophie beide Sphären als untrennbar verbunden.
Die Quellen beleuchten diese Synthese anhand folgender Dimensionen:
1. Hildegards methodische Synthese In der historischen Naturphilosophie Hildegards von Bingen stehen Empirie und Sinnsuche nicht in Konkurrenz. Sie verbindet die Vorgehensweise einer empirischen und rationalen Naturbeobachtung, die gezielt nach Kausalzusammenhängen sucht, untrennbar mit einer symbolistischen und ethischen Naturbetrachtung. Natürliche und physiologische Prozesse repräsentieren bei ihr zugleich konkrete sittliche Qualitäten, die dem Menschen Orientierung für sein Heil und Unheil geben. Kosmologie, Physiologie und die sittliche Existenz des Menschen verweisen in diesem System fortwährend aufeinander.
2. Ethische Werte als Vorgabe der Natur In einem solchen holistischen Modell sind ethische Normen kein bloßes Konstrukt menschlicher Vernunft oder gesellschaftlichen Konsenses. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass Werte durch das Sein der Geschöpfe objektiv vorgegeben sind. Aus der empirischen Anschauung der Naturphilosophie und Anthropologie leitet sich folglich zwingend eine Ethik ab, die dem rein utilitaristischen Machtstreben Grenzen setzt und den von menschlichen Zwecken unabhängigen Eigenwert der gesamten Natur respektiert.
3. Der neuzeitliche Bruch und die Ausgrenzung der Ethik Im extremen Gegensatz dazu hat die moderne Naturwissenschaft im Zuge ihres Strebens nach Naturbeherrschung diese Synthese zerstört. Sie gliederte Ethik, Kunst, Politik und Religion systematisch aus dem harten wissenschaftlichen Diskurs aus. Durch diese institutionalisierte Produktion von Unbewusstheit und die scheinbare Wertneutralität wurden normative Reflexionen für den Forschungsprozess irrelevant. Dies führte zu einer Wissenschaft, die ihr eigenes destruktives Potenzial blind ausblendet und ethische Bedenken oft in den Bereich des Irrationalen abschiebt.
4. Prozessphilosophie und moderne Systemethik Als moderne, wissenschaftstheoretische Antwort fordert unter anderem die Prozessphilosophie – maßgeblich geprägt von Alfred North Whitehead – die Wiederherstellung dieser Synthese. Whitehead postuliert eine "vollständige Kosmologie", in der die ästhetischen, ethischen und religiösen Erfahrungen des Menschen zwingend in eine allgemeine Theorie der Natur eingebunden werden müssen, anstatt sie durch szientistischen Reduktionismus zu ersticken. Dieser Ansatz korrespondiert mit dem modernen Konzept einer tiefenökologischen Ecosophie (Ökosophie), die auf ein neues Gleichgewicht zwischen Materie und Geist zielt. Sie ist keine bloße objektive "Wissenschaft von der Erde" (Ökologie), sondern eine spirituell-ethische "Weisheit der Erde", die den Menschen wieder in das Beziehungsgeflecht der Welt integriert.
Zusammenfassend verdeutlichen die Quellen, dass eine integrale Systemtheorie nicht ohne eine Synthese von Ethik und Empirie auskommt. Die rein empirische und quantifizierende Naturforschung muss wieder mit einer normativen Wertlehre verschränkt werden, um den Menschen davor zu bewahren, die Biosphäre durch unreflektierte Beherrschung zu zerstören.