Der Status des Menschen als Holon – ein Begriff aus der modernen Systemphilosophie – beschreibt die fundamentale Eigenschaft, gleichzeitig ein in sich strukturiertes, eigenständiges Ganzes und ein untrennbar integrierter Teil eines größeren Metasystems zu sein. In der Übersetzung von Hildegards Naturphilosophie in die Systemtheorie definiert exakt dieser Holon-Status die komplexe Rolle des Menschen als vernetztes System-Element.
Dieser Status entfaltet sich in zwei untrennbaren Dimensionen:
1. Der Mensch als eigenständiges Ganzes (Mikrokosmos) Auf der einen Seite bildet der Mensch ein in sich geschlossenes, autonomes System. Hildegard von Bingen beschreibt ihn als Mikrokosmos, der in seiner leib-geistigen Struktur ein Abbild der ganzen Welt im verkleinerten Maßstab ist. Wie in einem Brennpunkt konzentrieren sich im Menschen sämtliche Bezüge, Elemente und dynamischen Gesetzmäßigkeiten des gesamten Kosmos. Ausgestattet mit Vernunft, Willensfreiheit und schöpferischem Geist besitzt er eine Eigenständigkeit und Handlungsmacht, die ihn über alle anderen Geschöpfe hinaushebt und ihn zu einem komplexen Ganzen macht.
2. Der Mensch als integrierter Teil (Makrokosmos) Auf der anderen Seite ist dieses "Ganze" unauflöslich in das übergeordnete Netzwerk der Schöpfung – den Makrokosmos – eingebettet. Teil und Ganzes bestimmen sich dabei gegenseitig in unablässiger Wechselwirkung. Als System-Element kann der Mensch prinzipiell nicht isoliert oder autark existieren. Sein Überleben und seine leib-seelische Identität sind radikal an die Rhythmen und Ressourcen der Biosphäre gekoppelt. Hildegard formuliert diese systemische Notwendigkeit unmissverständlich: Der Mensch könnte „kein Mensch sein, wenn die übrigen Geschöpfe nicht da wären“.
Der größere Kontext: Der Mensch als System-Element
Im größeren Rahmen verdeutlicht der Holon-Status eine revolutionäre Abkehr vom mechanistischen Weltbild, in dem der Mensch oft als isolierter, unbeteiligter Beobachter oder unbeschränkter Herrscher der Natur verstanden wird. Als durchlässiges System-Element ist der Mensch stattdessen auf einen permanenten Austausch von Stoffen, Energie und Informationen mit seiner Umwelt angewiesen.
Aus diesem Status ergeben sich weitreichende systemische und ethische Konsequenzen:
- Der Mensch als System-Störfaktor: Da der Mensch als Holon tief in die Abläufe des Kosmos verwoben ist, bleiben seine Handlungen niemals folgenlos für das Metasystem. Wenn er seine Eigenständigkeit missbraucht und durch unethisches Handeln (Sünde) oder rücksichtslose Naturausbeutung das labile Gleichgewicht stört, fungiert er als ökologischer Störfaktor. Dieses Fehlverhalten setzt eine Kaskade zerstörerischer Rückkopplungsschleifen in Gang, die schließlich als Naturkatastrophen oder Krankheiten auf ihn selbst zurückschlagen. - Die Ethik der Co-Kreatorschaft: Die Erkenntnis der eigenen Natur als Holon verlangt vom Menschen ein tiefenökologisches Bewusstsein. Er muss akzeptieren, dass sein physisches und psychisches Heil untrennbar mit dem Erhalt der harmonischen Ordnung des gesamten Kosmos verwoben ist. Anstatt die Natur beherrschen zu wollen, muss er lernen, seine schöpferischen Fähigkeiten als verantwortungsvoller „Co-Kreator“ im Biosphären-Netzwerk einzusetzen und die Partnerschaft mit seinen Mitgeschöpfen zu pflegen.