Die historische Makrokosmos-Mikrokosmos-Analogie, nach der der Mensch in seiner physischen und geistigen Struktur das gesamte Universum widerspiegelt, wird in den Quellen als das historische Äquivalent zu modernen fraktalen Mustern und Holons beschrieben. In der Systemtheorie bezeichnen Fraktale Strukturen, die sich auf unterschiedlichen Skalenebenen identisch wiederholen. Auf Hildegards Kosmologie übertragen bedeutet dies, dass der Mensch (das Subsystem bzw. der Mikrokosmos) die großen Baupläne und Dynamiken des Kosmos (das Metasystem bzw. den Makrokosmos) in sich birgt und abbildet.
Innerhalb dieser fraktalen kosmischen Ordnung agiert der Mensch als ein sogenanntes Holon. Er ist ein in sich geschlossenes, eigenständiges Ganzes (der Mikrokosmos) und fungiert gleichzeitig als ein untrennbar integrierter Teil des größeren kosmischen Netzwerks. Wie in einem Brennpunkt konzentrieren sich im Menschen alle Bezüge des Makrokosmos.
Diese Wiederholung der Muster auf verschiedenen Skalen zeigt sich in Hildegards Ordo bis ins kleinste anatomische Detail:
- Fraktale der Elemente: Der Makrokosmos wird durch die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde zusammengehalten. Exakt dieselben Elemente bauen auch den menschlichen Körper auf: Das makrokosmische Feuer spiegelt sich mikrokosmisch in der Körperwärme und Sehkraft wider, die Luft im Atem und Gehör, das Wasser im Blut und in der Beweglichkeit, und die Erde im Fleisch und im menschlichen Gang. - Anatomische und kosmische Entsprechungen: Jedes Glied des menschlichen Leibes und jedes Organ steht in einem direkten symbolischen und funktionalen Bezug zum Kosmos. So entsprechen beispielsweise die menschlichen Augen den leuchtenden Sternen am Firmament, und der Schultergürtel bildet fraktal die vier Hauptwinde des kosmischen Windsystems ab. - Rhythmen und Zyklen: Die biologischen Rhythmen, Organfunktionen und Lebensphasen des Menschen sind auf mikrokosmischer Ebene direkt mit den astronomischen Bewegungen und den jahreszeitlichen Zyklen des Makrokosmos synchronisiert.
Der größere Kontext: Resonanz und ethische Verantwortung
Im größeren Kontext von Hildegards Kosmischem Ordo verdeutlichen diese fraktalen Muster eine radikale wechselseitige Resonanz und Abhängigkeit zwischen dem menschlichen Handeln und der Natur. Da Makrokosmos und Mikrokosmos untrennbar verschränkt sind, bleiben Veränderungen in dem einen System niemals isoliert vom anderen. Die Elemente der Natur nehmen jede menschliche Eigenschaft in sich auf.
Tritt der Mensch (etwa durch "Sünde" oder Maßlosigkeit) aus seinem natürlichen Gleichgewicht heraus, stört dies nicht nur seinen eigenen Mikrokosmos (was in Hildegards Verständnis zu körperlicher oder seelischer Krankheit führt), sondern bringt aufgrund der fraktalen Struktur auch die makrokosmischen Elemente in Aufruhr, was sich in Wetterextremen oder Dürren äußert. Die Einsicht in diese fraktalen Muster ist daher der Aufruf zu einem tiefenökologischen Bewusstsein: Der Mensch muss seine Rolle als verantwortungsvoller Co-Kreator im Biosphären-Netzwerk annehmen, da die Zerstörung des Makrokosmos unweigerlich die Zerstörung seiner eigenen mikrokosmischen Lebensgrundlage nach sich zieht.