Wacher Zustand

Der wache Zustand gehört zu den grundlegenden Merkmalen von Hildegard von Bingens Visionserfahrung. Immer wieder betont sie, dass ihre Offenbarungen weder im Traum noch in Ekstase oder Bewusstlosigkeit geschahen. Gerade das volle Wachbewusstsein begründet für sie die Glaubwürdigkeit ihrer Visionen und bildet die Voraussetzung ihres prophetischen Wirkens.

Visionen im Wachbewusstsein

Hildegard hebt ausdrücklich hervor, dass sie ihre Visionen nicht im Schlaf, in Trance oder in einem Zustand geistiger Verwirrung empfing. Sie erlebte sie bei klarem Verstand, sowohl am Tag als auch in der Nacht. Damit grenzt sie sich bewusst von anderen Formen mittelalterlicher Visionserfahrung ab, bei denen ekstatische Zustände oder Bewusstseinsverlust eine größere Rolle spielten.

Die „inneren Sinne“

Obwohl Hildegard während ihrer Visionen vollständig wach blieb, nahm sie das Gesehene nicht mit den leiblichen Augen oder Ohren wahr. Die Offenbarung vollzog sich in ihrer Seele durch die „Augen und Ohren des inneren Menschen“. Das äußere Bewusstsein blieb dabei ununterbrochen erhalten, während sich gleichzeitig die geistige Schau eröffnete.

Prophetische Glaubwürdigkeit

Die Betonung des Wachbewusstseins diente zugleich der theologischen Legitimation ihres Wirkens. Hildegard verstand sich nicht als ekstatische Mystikerin, sondern als Prophetin in der Tradition der biblischen Propheten. Ihre Visionen sollten nicht als subjektive Gefühlszustände erscheinen, sondern als objektive Offenbarungen Gottes. Diese Selbstdeutung trug wesentlich dazu bei, dass ihre Schriften kirchliche Anerkennung fanden und ihr prophetisches Wirken auf der Synode von Trier bestätigt wurde.

Vidi et intellexi – Schauen und Verstehen

Das Wachbewusstsein ermöglichte Hildegard einen unmittelbaren Zusammenhang von Wahrnehmung und Erkenntnis. Sehen, Hören und Verstehen bildeten einen einzigen geistigen Vorgang, den sie mit der Formel Vidi et intellexi – „Ich sah und ich verstand“ – beschrieb. Die Vision vermittelte ihr nicht nur Bilder, sondern zugleich deren geistige Bedeutung, ohne dass sie dafür menschlicher Belehrung bedurfte.

Grundlage ihres schöpferischen Wirkens

Der wache Zustand war schließlich die Voraussetzung für Hildegards gesamtes Schaffen. Weil sie während ihrer Visionen das Bewusstsein nicht verlor, konnte sie das Gesehene erinnern, ordnen und ihren Mitarbeitern – insbesondere ihrem Sekretär Volmar – diktieren. So entstanden ihre großen Visionswerke ebenso wie ihre Briefe, Gesänge und Bildprogramme.

Hildegard verstand sich dabei als Werkzeug Gottes, das bewusst und wach den göttlichen Auftrag annimmt. Das Bild der kleinen Feder, die vom Atem Gottes getragen wird, bringt dieses Selbstverständnis eindrucksvoll zum Ausdruck: Nicht eigenes Genie, sondern die Offenheit für das Wirken Gottes bildet nach ihrem Verständnis den Ursprung ihres visionären Schaffens.


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