Kaum eine Gestalt des Mittelalters fasziniert bis heute so sehr wie Hildegard von Bingen. Sie war Äbtissin, Naturkundige, Komponistin, Dichterin und Beraterin von Päpsten und Kaisern. Den Ursprung all ihres Wirkens sah sie jedoch nicht in eigener Gelehrsamkeit, sondern in einer besonderen Gabe: dem inneren Schauen.
Manche Historiker und Autoren haben Hildegard deshalb als „Sibylle vom Rhein“ bezeichnet. Sie selbst hat diesen Titel nie verwendet. Dennoch drängt sich der Vergleich auf. Wie die antiken Sibyllen verstand sie sich nicht als Urheberin ihrer Botschaft, sondern als Übermittlerin einer höheren Wahrheit. Zugleich betonte sie immer wieder ihre eigene Schwäche und bezeichnete sich als ungelehrte Frau und als Werkzeug Gottes – eine Haltung, die auffallend an das Selbstverständnis der antiken Seherinnen erinnert.
Nach ihrem eigenen Zeugnis empfing Hildegard ihre Visionen nicht im Traum oder in ekstatischer Verzückung, sondern bei klarem Bewusstsein. Sie war überzeugt, im „lebendigen Licht“ Gottes zu sehen und zugleich zu verstehen. Aus dieser Erfahrung entstanden ihre theologischen Schriften ebenso wie ihre Musik, ihre Bildwelten und ihre Deutungen von Mensch, Natur und Kosmos.
Die folgenden Kapitel zeigen, wie Hildegard ihre Visionen verstand, welchen Auftrag sie darin erkannte und weshalb sie sich trotz fehlender akademischer Ausbildung mit ungewöhnlicher Entschlossenheit öffentlich zu Wort meldete. Zugleich wird deutlich, dass ihre Visionen nicht als private religiöse Erlebnisse gedacht waren. Sie sollten Orientierung geben, zur Verantwortung aufrufen und die göttliche Ordnung in Mensch, Natur und Gesellschaft sichtbar machen – ein Anspruch, der ihr gesamtes Werk wie ein roter Faden durchzieht.