Prophetischer Auftrag

Der prophetische Auftrag bildet einen Grundgedanken im Selbstverständnis Hildegards von Bingen. Sie verstand ihre Visionen nicht als private religiöse Erfahrungen, sondern als göttlichen Auftrag, das Erkannte öffentlich weiterzugeben. Ihre Autorität leitete sie nicht aus einer gelehrten Ausbildung, sondern aus der Offenbarung des „Lebendigen Lichtes“ ab.

Der göttliche Schreibauftrag

Nach ihrem eigenen Bericht erhielt Hildegard im Jahr 1141 den Auftrag, ihre Visionen niederzuschreiben: „O hinfälliger Mensch und Asche, sage und schreibe nieder, was du siehst und hörst.“ Dieses Ereignis markiert den Beginn ihres schriftstellerischen Wirkens. In ihren Vorreden beschreibt sie sich als indocta („ungelehrt“) und betont ihre menschliche Schwäche. Häufig verwendet sie das Bild einer kleinen Feder, die vom Atem Gottes bewegt wird, um deutlich zu machen, dass sie sich selbst als Werkzeug göttlichen Handelns versteht.

Hildegard berichtet außerdem, sie sei zunächst aus Furcht vor den Reaktionen ihrer Umwelt dem Auftrag nicht gefolgt und daraufhin schwer erkrankt. Erst mit dem Beginn der Niederschrift des Scivias habe sich ihr Gesundheitszustand gebessert. In ihrer Deutung bewahrte ihre anhaltende körperliche Schwäche sie zugleich vor Hochmut und verwies darauf, dass die Quelle ihrer Schriften nicht in eigener Gelehrsamkeit lag.

Prophetie als Verkündigung

Hildegard verstand ihre Visionen nicht als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit oder individueller Mystik. Ihr Anliegen war vielmehr die Verkündigung dessen, was sie als göttliche Wahrheit erkannte. Ihre Schriften behandeln deshalb die Ordnung der Schöpfung, den Weg des Menschen, die Bedeutung der Tugenden sowie die Verantwortung gegenüber Gott und der Welt.

Das Selbstverständnis als Prophetin

Hildegard knüpft an die alttestamentliche Prophetentradition an und deutet ihren Auftrag vor dem Hintergrund ihrer eigenen Zeit. Wiederholt kritisiert sie moralische Missstände und fordert Klerus wie Laien zur Umkehr auf. Ihre Berufung erklärt sie unter anderem damit, dass Gott gerade das menschlich Schwache erwählt, um seine Botschaft zu verkünden. Die Bezeichnung als indocta gehört daher sowohl zu ihrer Demutstopik als auch zu ihrem theologischen Selbstverständnis.

Öffentliches Wirken

Nach der Anerkennung ihrer Visionen durch Papst Eugen III. auf der Synode von Trier (1147/48) trat Hildegard zunehmend öffentlich auf. Sie unternahm mehrere Predigtreisen, richtete Mahn- und Trostschreiben an geistliche und weltliche Würdenträger und beteiligte sich an theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Ihre Briefe an Päpste, Kaiser, Bischöfe, Äbte und Fürsten zeigen, dass sie ihre prophetische Berufung auch als Auftrag verstand, auf konkrete Entwicklungen ihrer Gegenwart zu reagieren.

Bedeutung

Der prophetische Auftrag verbindet Hildegards Visionen mit ihrem öffentlichen Wirken. Nach ihrem eigenen Verständnis sollte das Empfangene nicht verborgen bleiben, sondern der Erneuerung von Kirche und Gesellschaft dienen. Ihre Schriften, Predigten und Briefe bilden daher verschiedene Ausdrucksformen eines einheitlichen prophetischen Selbstverständnisses.


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