Abkehr von diskursiver Gelehrsamkeit

Hildegard von Bingens visionäres Werk unterscheidet sich deutlich von der gelehrten Theologie und Philosophie ihrer Zeit. Während sich im 12. Jahrhundert an Domschulen und den entstehenden Bildungszentren eine zunehmend logisch aufgebaute und begrifflich geprägte Denkweise entwickelte, wählt Hildegard einen anderen Zugang zur Erkenntnis. Ihre Schriften beruhen nicht auf akademischer Argumentation, sondern auf visionärer Erfahrung und deren theologischer Deutung.

Diese Eigenständigkeit ihres Denkens zeigt sich in mehreren Bereichen.

Offenbarung statt akademischer Autorität

Hildegard begründet die Autorität ihrer Werke nicht mit einer gelehrten Ausbildung, sondern mit dem Anspruch, das Empfangene unmittelbar aus göttlicher Offenbarung zu vermitteln. Sie besaß zwar eine klösterliche Bildung, kannte die Heilige Schrift sowie die Liturgie und verfügte über grundlegende Lateinkenntnisse. Eine Ausbildung in den Septem Artes Liberales, den Sieben Freien Künsten, wie sie für die höhere Gelehrsamkeit ihrer Zeit typisch war, ist jedoch nicht nachweisbar.

Erkenntnis durch Bilder

Im Unterschied zur scholastischen Methode entwickelt Hildegard ihre Gedanken nicht in Form logisch aufgebauter Beweisführungen. Ihre Erkenntnis entfaltet sich aus Visionen, Symbolen und Bildern, die nach ihrem Verständnis göttliche Wahrheiten sichtbar machen. Das innere Schauen bildet den Ausgangspunkt ihrer theologischen Aussagen; die sprachliche Auslegung folgt erst im zweiten Schritt.

Das Selbstverständnis als indocta

In ihren Schriften bezeichnet sich Hildegard mehrfach als indocta oder illiterata – als ungelehrt oder wissenschaftlich nicht ausgebildet. Diese Selbstcharakterisierung wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Sie lässt sich einerseits als Ausdruck klösterlicher Demut verstehen, andererseits auch als bewusste Hervorhebung, dass ihre Autorität nicht auf menschlicher Gelehrsamkeit, sondern auf göttlicher Inspiration beruhe. Durch diese Selbstdarstellung unterstreicht sie den Anspruch, lediglich Werkzeug des „Lebendigen Lichtes“ zu sein.

Glaube und Verstehen

Die Distanz zur akademischen Gelehrsamkeit bedeutet jedoch nicht, dass Hildegards Denken unvernünftig oder erkenntnisfeindlich wäre. Ihre Visionen zielen vielmehr darauf, das Gesehene auch verstandesmäßig zu erschließen. Damit steht sie in einer Tradition, die sich mit dem Satz Fides quaerens intellectum („Der Glaube sucht Einsicht“) verbinden lässt. Ihr häufig zitierter Leitsatz Vidi et intellexi („Ich sah und ich verstand“) bringt diese Verbindung von visionärer Erfahrung und reflektierender Erkenntnis prägnant zum Ausdruck. Ihre Werke zeigen zugleich eine umfassende Vertrautheit mit der Heiligen Schrift sowie mit den theologischen Fragestellungen ihrer Zeit, auch wenn sie diese bewusst in der Sprache von Bildern und Visionen vermittelt.


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