Gegensatz: Ariditas (Trockenheit)

Der Gegensatz von Viriditas und Ariditas gehört zu den grundlegenden Bildern in Hildegard von Bingens Denken. Während die Viriditas die von Gott geschenkte Lebenskraft und Fruchtbarkeit bezeichnet, steht die Ariditas für Trockenheit, Erstarrung und den Verlust dieser Lebendigkeit. Beide Begriffe beschreiben nicht nur natürliche Vorgänge, sondern zugleich geistliche und sittliche Wirklichkeiten.

Verlust der göttlichen Lebensordnung

Nach Hildegards Verständnis besitzt das Böse keine eigene schöpferische Kraft. Es wirkt vielmehr dadurch, dass es die von Gott geschaffene Ordnung stört und die Entfaltung des Lebens behindert. Ariditas bezeichnet deshalb keinen eigenständigen Gegenpol zur Schöpfung, sondern den Zustand, in dem die von Gott geschenkte Lebenskraft geschwächt oder verdrängt wird. Sünde, Maßlosigkeit und die Abkehr von Gott führen nach ihrer Auffassung zu einer inneren Verarmung, die sich im Bild der Trockenheit ausdrückt.

Auswirkungen auf den Menschen

Auf den Menschen bezogen beschreibt die Ariditas einen Zustand, in dem Leib und Seele ihre innere Ordnung verlieren. Die Lebenskraft nimmt ab, Tugenden verkümmern und die Verbindung zu Gott wird geschwächt. In ihren Visionen verwendet Hildegard hierfür eindrucksvolle Bilder des Verdorrens und Austrocknens. Auch einzelne Laster, etwa die weltliche Traurigkeit (Tristitia saeculi), erscheinen als Kräfte, die den Menschen von Hoffnung und geistlicher Lebendigkeit entfernen.

Auswirkungen auf die Schöpfung

Da Mensch und Schöpfung nach Hildegards Verständnis eng miteinander verbunden sind, bleibt menschliches Handeln nicht ohne Folgen für die Welt. In ihren Visionen schildert sie, wie die Elemente der Natur unter der Störung der göttlichen Ordnung leiden und gleichsam Klage über das Fehlverhalten der Menschen führen. Diese Bilder verdeutlichen, dass die Verantwortung des Menschen über sein persönliches Leben hinausreicht und die gesamte Schöpfung einschließt.

Heutige Deutungen

In der neueren Hildegard-Forschung sowie in der ökologischen Theologie wird der Gegensatz von Viriditas und Ariditas häufig im Zusammenhang mit gegenwärtigen Umweltfragen interpretiert. Dabei verstehen einige Autoren die Bilder von Trockenheit, Verwüstung und gestörter Schöpfungsordnung als Anknüpfungspunkte für eine christliche Umweltethik oder als Deutungshilfe für die ökologische Krise der Gegenwart. Diese Bezüge sind jedoch moderne Interpretationen und keine unmittelbaren Aussagen Hildegards.

Rückkehr zur Viriditas

Der Weg aus der Ariditas besteht für Hildegard in der Rückkehr zur göttlichen Lebensordnung. Umkehr, Barmherzigkeit, gelebte Tugenden und ein Leben im rechten Maß fördern die Entfaltung der Viriditas und tragen zur Erneuerung des Menschen bei. Heilung bedeutet deshalb nicht nur die Überwindung körperlicher oder seelischer Beschwerden, sondern die Wiedergewinnung jener Lebenskraft, die den Menschen mit Gott und der gesamten Schöpfung verbindet.

Hinweis: Aus heutiger Sicht lässt sich Hildegards Begriff der Viriditas als anschauliche Analogie zu modernen naturwissenschaftlichen Konzepten lesen – allerdings nicht im Sinne einer Gleichsetzung. Während die Thermodynamik mit der Entropie die allgemeine Tendenz physikalischer Systeme zu größerer Unordnung beschreibt, steht die Viriditas für jene göttliche Lebenskraft, die Wachstum, Ordnung und Erneuerung ermöglicht. In ähnlicher Weise beschreibt die moderne Systemtheorie mit dem Begriff der Emergenz das Entstehen neuer Ordnungsformen und komplexer Lebensprozesse aus dem Zusammenwirken vieler Einzelteile. Viriditas ist weder mit Entropie noch mit Emergenz identisch. Die Begriffe entstammen unterschiedlichen Denk- und Wissenschaftstraditionen. Dennoch kann der Vergleich helfen, Hildegards Vorstellung einer fortwährend schöpferischen, ordnungsstiftenden Lebenskraft in eine Sprache zu übertragen, die auch heutigen Leserinnen und Lesern einen Zugang eröffnet.

Die Physik beschreibt, wie Ordnung unter geeigneten Bedingungen entstehen kann; Hildegard fragt danach, warum die Schöpfung überhaupt die Fähigkeit besitzt, immer wieder neues Leben und neue Ordnung hervorzubringen.


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