Der freie Wille (liberum arbitrium) gehört zu den grundlegenden Begriffen in Hildegards Anthropologie und Ethik. Besonders im Liber Vitae Meritorum beschreibt sie den Menschen als ein Geschöpf, das mit Vernunft und Entscheidungsfreiheit ausgestattet ist. Diese Freiheit ermöglicht es ihm, sein Leben bewusst auf Gott auszurichten oder sich von der göttlichen Ordnung abzuwenden.
Freiheit als Gabe Gottes
Nach Hildegards Verständnis beruht der freie Wille auf der Fähigkeit des Menschen zu erkennen, zu unterscheiden und zu urteilen. Dadurch unterscheidet er sich von den übrigen Geschöpfen. Der Mensch handelt nicht allein aus Notwendigkeit oder Trieb, sondern besitzt die Freiheit, zwischen verschiedenen Wegen zu wählen und Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen.
Verantwortung innerhalb der Schöpfung
Als plenum opus Dei („volles Werk Gottes“) und operarius Dei („Werkmann Gottes“) nimmt der Mensch eine besondere Stellung innerhalb der Schöpfung ein. Seine Freiheit ist nicht Selbstzweck, sondern mit einem Auftrag verbunden. Er soll die ihm von Gott verliehenen Fähigkeiten zum Wohl der Schöpfung einsetzen und sein Handeln an Weisheit, Gerechtigkeit und den Tugenden ausrichten.
Freiheit und sittliches Handeln
Der freie Wille bedeutet für Hildegard keine Beliebigkeit. Jede Entscheidung hat Folgen für den Menschen selbst und steht zugleich im Zusammenhang mit der von Gott geschaffenen Ordnung. Deshalb beschreibt sie in ihren Visionen den Menschen als Teil eines größeren Ganzen, in dem sittliches Handeln nicht ohne Auswirkungen auf die übrige Schöpfung bleibt. Diese Zusammenhänge werden in ihren kosmischen Bildern und Visionen immer wieder verdeutlicht.
Umkehr als bleibende Möglichkeit
Weil der Mensch frei entscheiden kann, bleibt ihm auch die Möglichkeit zur Umkehr offen. Das Liber Vitae Meritorum zeigt diesen Zusammenhang im Gegenüber von Tugenden und Lastern. Der Mensch ist weder zum Guten noch zum Bösen unwiderruflich festgelegt. Durch Einsicht, Reue und die bewusste Hinwendung zu den Tugenden kann er jederzeit einen neuen Anfang wagen und sein Leben erneut an der göttlichen Ordnung ausrichten.
Der freie Wille als Grundlage der Ethik
Der freie Wille bildet damit die Voraussetzung für Hildegards gesamtes ethisches Denken. Nur weil der Mensch frei entscheiden kann, sind Tugend, Verantwortung, Schuld, Umkehr und Versöhnung überhaupt möglich. Die Freiheit des Menschen erscheint deshalb nicht als uneingeschränkte Selbstbestimmung, sondern als Gabe Gottes, die zu einem verantwortlichen Leben innerhalb der Schöpfung befähigt.