Im Liber vitae meritorum („Buch der Lebensverdienste“) stehen 35 Laster 35 Tugenden gegenüber. Das Werk gilt in der Forschung als ethisches Visionswerk: Laster und Tugenden treten in einen Dialog, beschreiben die Folgen menschlicher Entscheidungen und zeigen Wege der Umkehr auf.
https://geschichtsquellen.de/werk/2816
Der entscheidende Ausgangspunkt lautet: Schuld setzt Freiheit voraus. Nur ein Wesen, das zwischen Gut und Böse unterscheiden und sich entscheiden kann, trägt Verantwortung für sein Handeln. Die Stadt Bingen fasst Hildegards Menschenbild deshalb treffend zusammen: Der Mensch besitzt Vernunft und erkennt dadurch, „was er zu tun und zu lassen hat“.
https://www.bingen.de/hildegard/hildegards-sicht-auf-die-schoepfung
Diese Sicht wird durch die philosophische Untersuchung von Regine Kather bestätigt. Sie zeigt, dass Hildegard dem Menschen Vernunft, Urteilskraft und freie Entscheidung zuschreibt. Die Seele kann Ziele setzen, Handlungen hervorbringen und zwischen Gut und Böse unterscheiden. Gerade deshalb ist der Mensch für sein Tun verantwortlich.
https://www.akademie-rs.de/Kather_HildegardIII.pdf
Bei näherem Hinsehen liegt der Gegensatz nicht darin, dass die Gnadenethik den Menschen grundsätzlich entmündigt. Die klassische christliche Gnadenlehre geht vielmehr ebenfalls von einem freien und verantwortlichen Menschen aus.
Sie setzt voraus,
Der Unterschied beginnt erst bei der Frage, wie die zerbrochene Beziehung zwischen Mensch und Gott wiederhergestellt wird.
Nach klassischem christlichem Verständnis kann der Mensch zwar bereuen und sein Leben ändern; die endgültige Versöhnung mit Gott bleibt jedoch Geschenk der göttlichen Gnade. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen. Gottes Gnade ersetzt also nicht die menschliche Entscheidung, sondern vollendet sie.
Eine moderne Verantwortungsethik setzt ihren Schwerpunkt anders. Auch hier erkennt der Mensch Schuld und entscheidet sich zur Umkehr. Sie fragt jedoch weniger nach der Erlösung vor Gott als nach der Verantwortung gegenüber den Folgen des eigenen Handelns.
Hier genügt Reue allein nicht. Verantwortung verlangt,
Der Mensch bleibt daher nicht nur Träger der Schuld, sondern auch aktiver Träger ihrer Bewältigung.
Gerade hierin besitzt Hildegards Ethik eine bemerkenswerte Aktualität. Sie verbindet beide Perspektiven.
Der Mensch ist nach Hildegard kein willenloses Werkzeug Gottes. Er besitzt Vernunft, Freiheit und Unterscheidungsvermögen. Deshalb kann er Tugend oder Laster wählen und trägt Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidungen.
Gerade darin zeigt sich eine erstaunlich moderne Seite ihres Denkens. Hildegard versteht den Menschen nicht als passiven Empfänger göttlicher Anordnungen, sondern als eigenverantwortliches Wesen, das durch Vernunft und freien Willen zur bewussten Mitgestaltung der Welt berufen ist. Seine Aufgabe erschöpft sich nicht darin, die Schöpfung zu bewahren; vielmehr trägt er Verantwortung für ihre zukünftige Gestalt. Damit betont Hildegard die Würde und Eigenständigkeit jedes einzelnen Menschen in einer Weise, die ihrer Zeit weit voraus ist. Ohne die Ideen der Aufklärung vorwegzunehmen, legt sie ein Menschenbild zugrunde, das persönliche Freiheit stets mit Verantwortung verbindet und damit Grundgedanken vorbereitet, auf denen Jahrhunderte später Vorstellungen individueller Selbstbestimmung und unveräußerlicher Menschenwürde aufbauen konnten.
Gleichzeitig bleibt er Geschöpf Gottes. Die göttliche Gnade hebt seine Freiheit nicht auf, sondern macht ihre Vollendung erst möglich. Gnade erscheint bei Hildegard daher nicht als Ersatz menschlicher Verantwortung, sondern als Kraft zur inneren Erneuerung.
Ebenso missverständlich ist die heute häufig anzutreffende ökologische Deutung von Viriditas und Ariditas.
Viriditas bezeichnet bei Hildegard weit mehr als Pflanzenwachstum oder Natur. Gemeint sind Lebenskraft, innere Fruchtbarkeit, geistige Gesundheit und das harmonische Wirken innerhalb der göttlichen Ordnung.
Ariditas beschreibt entsprechend nicht in erster Linie Dürre oder Umweltzerstörung, sondern den Verlust dieser Ordnung: geistige Erstarrung, Maßlosigkeit, innere Verarmung und das Scheitern an den Bedingungen gelingenden Lebens.
https://www.hildegard-society.org/p/liber-divinorum-operum.html
Die eigentliche Gegenüberstellung lautet daher nicht „Verantwortung oder Gnade“, sondern:
| Gnadenethik | Verantwortungsethik |
|---|---|
| fragt nach der Wiederherstellung der Beziehung zu Gott | fragt nach der Verantwortung gegenüber den Folgen des Handelns |
| Schuld wird durch Reue anerkannt | Schuld verlangt zusätzlich aktive Wiedergutmachung |
| Gnade vollendet die Umkehr | Verantwortung setzt die Umkehr praktisch um |
| Erlösung ist Geschenk Gottes | Verantwortung bleibt Aufgabe des Menschen |
Hildegard von Bingen steht zwischen beiden Sichtweisen. Sie betont einerseits die Freiheit, Vernunft und Verantwortung des Menschen, andererseits die heilende Kraft der göttlichen Gnade. Ihre Ethik ist deshalb weder eine reine Gnadenlehre noch eine moderne Autonomieethik. Sie versteht den Menschen als freien Mitgestalter der Schöpfung, dessen Verantwortung ernst genommen wird und dessen Umkehr durch Gottes Gnade nicht ersetzt, sondern getragen wird.