Der Mensch als Gärtner der Schöpfung

Das Bild des „Gärtners im Garten Gottes“ fasst wesentliche Gedanken der Ethik Hildegards von Bingen in einer anschaulichen Metapher zusammen. Zwar verwendet sie dieses Bild nicht als festen theologischen Begriff, doch zahlreiche ihrer Schriften verbinden die Pflege eines Gartens mit der Verantwortung des Menschen für sein eigenes Leben, für seine Mitmenschen und für die Schöpfung. Der Garten wird dabei zum Sinnbild einer von Gott anvertrauten Ordnung, die der Fürsorge und Pflege bedarf.

Der Mensch als Pflegender der Schöpfung

Nach Hildegards Verständnis ist der Mensch zugleich Teil der Schöpfung und für sie verantwortlich. Als Mikrokosmos steht er in enger Beziehung zum Makrokosmos. Seine Aufgabe besteht darin, die ihm anvertrauten Gaben verantwortungsvoll zu entfalten und die göttliche Ordnung zu achten. Bilder aus der Pflanzenwelt – Wachsen, Blühen und Fruchttragen – veranschaulichen dabei das geistliche Leben ebenso wie die Entwicklung der Tugenden.

Pflege statt Vernachlässigung

Verantwortung zeigt sich für Hildegard im tätigen Handeln. Wie ein Gärtner Pflanzen pflegt, zurückschneidet und vor Schäden schützt, so soll der Mensch seine Tugenden fördern und schädliche Gewohnheiten überwinden. In ihren Briefen und Mahnschriften verwendet Hildegard wiederholt Bilder des Beschneidens, Reinigens und Pflegens, um die notwendige Auseinandersetzung mit den Lastern zu beschreiben. Geistliches Wachstum erfordert Aufmerksamkeit, Ausdauer und die Bereitschaft zur Umkehr.

Verantwortung für andere

Diese Verantwortung beschränkt sich nicht auf das persönliche Leben. Hildegard richtet ihre Mahnungen häufig an Äbte, Bischöfe, Fürsten und andere Verantwortungsträger. Wer ein Amt ausübt oder Wissen vermittelt, soll seine Aufgabe mit Weisheit, Besonnenheit und Fürsorge erfüllen. In ihren Bildern gleicht ein guter Leiter einem Gärtner, der den ihm anvertrauten Garten sorgfältig pflegt, damit er Frucht bringen kann.

Ein Leben in Harmonie

Das Bild des Gartens verbindet bei Hildegard innere Reifung und verantwortliches Handeln. Der Mensch soll sowohl den „Garten“ seiner eigenen Seele pflegen als auch achtsam mit der Schöpfung umgehen. So werden Kontemplation und tätiges Leben nicht als Gegensätze verstanden, sondern als einander ergänzende Formen der Nachfolge Gottes. Ein Leben im rechten Maß, getragen von den Tugenden und von der Viriditas, dient nach Hildegards Verständnis sowohl dem einzelnen Menschen als auch der Ordnung der gesamten Schöpfung.


↑ Zum Anfang