Hildegard von Bingen versteht Heilung als die Wiederherstellung der Ordnung des ganzen Menschen. Gesundheit betrifft nach ihrem Verständnis nicht allein den Körper, sondern umfasst ebenso die seelische, geistige und religiöse Dimension des Lebens. Da der Mensch als Mikrokosmos mit der gesamten Schöpfung verbunden ist, stehen Gesundheit und Krankheit zugleich im Zusammenhang mit der Beziehung zu Gott und zur natürlichen Ordnung.
Dieses Verständnis prägt ihre medizinischen Werke Causae et Curae und Physica ebenso wie ihre ethischen Schriften, insbesondere den Liber Vitae Meritorum.
Krankheit als gestörte Ordnung
Krankheit erscheint bei Hildegard nicht ausschließlich als körperlicher Vorgang. Sie beschreibt sie als Ausdruck einer gestörten Ordnung des Menschen, deren tiefster Ursprung im Verlust der ursprünglichen Harmonie seit dem Sündenfall liegt. Nach ihrer Auffassung wirken sich sowohl körperliche als auch seelische und geistliche Einflüsse auf die Gesundheit aus. Dabei verbindet sie die antike Viersäftelehre mit ihrem christlichen Menschenbild. Heilung (restitutio) bedeutet deshalb die möglichst weitgehende Wiederherstellung dieser verlorenen Ordnung.
Lebensführung und Discretio
Den Ausgangspunkt jeder Behandlung bildet für Hildegard eine geordnete Lebensweise. Noch vor Arzneien oder therapeutischen Maßnahmen betont sie die Bedeutung einer ausgewogenen Lebensführung. Das Prinzip der Discretio, des rechten Maßes, prägt Ernährung, Schlaf, Arbeit, Ruhe und Gebet gleichermaßen. Diese Lebensordnung steht in enger Verbindung mit der benediktinischen Tradition und soll Körper und Seele in ein ausgewogenes Verhältnis bringen. In diesem Zusammenhang empfiehlt Hildegard einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper, „damit die Seele gerne darin lebt“.
Die Bedeutung der Viriditas
Eine zentrale Rolle spielt die Viriditas, die göttliche Lebenskraft, die alles Lebendige durchdringt. Heilpflanzen, Nahrungsmittel und andere Naturstoffe besitzen nach Hildegards Verständnis heilende Wirkung, weil sie an dieser Lebenskraft teilhaben. Ihre Anwendung dient daher nicht nur der Linderung körperlicher Beschwerden, sondern unterstützt die Wiederherstellung der natürlichen Ordnung des Menschen. So empfiehlt Hildegard beispielsweise Dinkel als nahrhaftes Lebensmittel, das nach ihrer Auffassung sowohl den Körper stärkt als auch das Gemüt fördert.
Heilung von Leib und Seele
Für Hildegard gehören körperliche und seelische Gesundheit untrennbar zusammen. Tugenden wie Geduld, Barmherzigkeit oder Nächstenliebe fördern nach ihrer Auffassung die innere Ordnung des Menschen und wirken sich auch auf sein körperliches Wohlbefinden aus. Laster dagegen stören diese Ordnung und können die Lebenskraft schwächen. Deshalb bilden Einsicht, Umkehr und die bewusste Einübung der Tugenden einen wesentlichen Bestandteil ihres Heilungsverständnisses.
Heilen in Verantwortung
Hildegard verbindet medizinisches Wissen mit einer ethischen Haltung gegenüber dem kranken Menschen. Heilung verlangt nach ihrer Auffassung nicht nur fachliche Kenntnisse, sondern ebenso Mitgefühl, Barmherzigkeit (misericordia) und verantwortliches Handeln. Der Dienst am Kranken soll von Achtung vor der menschlichen Würde und von der Bereitschaft geprägt sein, den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen.
Ganzheitliche Heilung beschreibt bei Hildegard somit das Zusammenwirken von geordneter Lebensführung, medizinischer Behandlung, geistlichem Leben und verantwortlichem Handeln. Obwohl ihr Denken im Weltbild des 12. Jahrhunderts verwurzelt ist, werden darin Zusammenhänge zwischen Körper, Seele, Lebensführung und Umwelt sichtbar, die auch in heutigen ganzheitlichen Gesundheitskonzepten Beachtung finden.