Naturkunde und Heilkunde

Naturheilkunde

Hildegard von Bingen war nicht nur Visionärin, Theologin und Komponistin, sondern beschäftigte sich auch intensiv mit der Natur und der Heilkunst. In ihren naturkundlichen und medizinischen Schriften versuchte sie zu erklären, wie Mensch, Natur und Gott miteinander verbunden sind. Gesundheit verstand sie nicht allein als das Freisein von Krankheit, sondern als einen Zustand innerer und äußerer Harmonie.

Ihre Vorstellungen entstanden im 12. Jahrhundert und beruhen auf dem damaligen Wissen über Medizin, Naturbeobachtung und Theologie. Viele ihrer Erklärungen entsprechen deshalb nicht heutigen Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft oder Medizin. Dennoch beeindrucken ihre Werke bis heute durch den Versuch, den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist zu verstehen und ihn in den größeren Zusammenhang der gesamten Schöpfung einzuordnen.

Im Mittelpunkt stehen zwei große Werke: die Physica, in der Hildegard Pflanzen, Tiere, Steine und andere Naturerscheinungen beschreibt, sowie Causae et Curae, das sich mit den Ursachen von Krankheiten und ihren Behandlungsmöglichkeiten befasst. Beide Schriften gehen vermutlich auf ein ursprünglich gemeinsames Werk zurück und ergänzen sich gegenseitig.

Eng mit dieser Natur- und Heilkunde verbunden sind zwei grundlegende Leitgedanken ihres Denkens: die Viriditas, die göttliche Lebens- und Wachstumskraft, sowie die Discretio, das rechte Maß. Nach Hildegards Überzeugung entsteht Gesundheit dort, wo der Mensch im Einklang mit der Schöpfung lebt und in allen Bereichen seines Lebens Maß hält. Heilung bedeutet deshalb nicht nur die Behandlung einzelner Beschwerden, sondern die Wiederherstellung einer geordneten Lebensweise.

Die folgenden Abschnitte stellen diese naturkundlichen und medizinischen Werke sowie ihre zentralen Grundgedanken vor. Sie zeigen, wie Hildegard Naturbeobachtung, praktische Heilkunst und ihre religiöse Weltsicht zu einem umfassenden Verständnis von Mensch und Schöpfung verband.


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