Hildegard von Bingens Vorstellung einer kosmischen Harmonie und moderne Gedanken der Quantenphysik im Vergleich
1. Einleitung: Wenn die Welt keine Maschine mehr ist
Über lange Zeit stellte sich die Wissenschaft die Welt wie eine große Maschine vor. Alles schien aus einzelnen Bausteinen zu bestehen, die nach festen Gesetzen funktionieren: Teilchen, Kräfte, Ursachen und Wirkungen. Dieses Bild war erfolgreich und hat viele Entdeckungen ermöglicht. Aber es erklärt nicht alles. Die moderne Physik zeigt, dass die Wirklichkeit in ihrer Tiefe weniger aus festen Dingen besteht als aus Beziehungen, Möglichkeiten und Wechselwirkungen.
Der Physiker Hans-Peter Dürr kritisierte deshalb ein rein zerlegendes Denken. Er verglich es mit einem „Fleischwolf“: Wenn man die lebendige Wirklichkeit durch ein starres Untersuchungsinstrument presst, bekommt man am Ende zwar viele Einzelteile. Aber man verliert leicht das Ganze, aus dem diese Teile stammen. Man zählt dann gewissermaßen die „Würstchen“ und vergisst, dass ihre Form auch vom Fleischwolf bestimmt wurde.
Auch Max Planck, der Begründer der Quantentheorie, passt in dieses Bild. Er war nicht nur Physiker, sondern auch ein begabter Musiker. Das ist mehr als eine biographische Randnotiz. Es erinnert daran, dass die Welt vielleicht nicht nur als Maschine, sondern auch als eine Art Partitur verstanden werden kann: als ein Gefüge von Beziehungen, Rhythmen und Resonanzen.
Von hier aus lässt sich eine vorsichtige Brücke zu Hildegard von Bingen schlagen. Ihre Vorstellung von Viriditas, der lebendigen „Grünkraft“, beschreibt keine physikalische Theorie im modernen Sinn. Sie ist ein theologisches und kosmologisches Bild. Aber sie berührt eine Frage, die auch moderne Denker beschäftigt: Besteht Wirklichkeit wirklich aus getrennten Dingen – oder entsteht sie erst im Zusammenspiel?
2. Hildegard von Bingens Kosmologie: Alles antwortet einander
Hildegard von Bingen dachte die Welt als geordnetes Ganzes. Für sie war die Schöpfung kein zufälliges Nebeneinander einzelner Dinge. Alles steht in Beziehung: Himmel und Erde, Mensch und Natur, Leib und Seele, Klang und Ordnung. Der Begriff Viriditas meint dabei die lebendige Kraft, die alles wachsen, blühen und bestehen lässt. Wo diese Kraft fehlt, verdorrt das Leben.
Besonders eindrucksvoll wird dieses Denken im Bild des „Kosmischen Eies“ aus Hildegards Werk Scivias. Dort erscheint die Welt nicht als starres Gebäude, sondern als ein lebendiges Gefüge. Kräfte halten einander im Gleichgewicht. Feuer, Luft, Wasser, Erde, Gestirne und Mensch gehören zusammen. Alles ist eingebunden in eine göttliche Ordnung.
Hildegard verstand ihre Visionen nicht als Träume oder ekstatische Entrückungen. Sie betonte, dass sie diese Bilder mit wachen Sinnen und offenen Augen empfing. Für ihre Zeit war das wichtig: Sie wollte nicht als Schwärmerin gelten, sondern als jemand, der eine innere Schau in klarer Wachheit erfährt.
Ein Schlüsselbegriff ihres Denkens ist die Symphonia. Gemeint ist nicht nur Musik im heutigen Sinn. Für Hildegard beschreibt Symphonia eine tiefe Ordnung der Welt. Alles, was in Gottes Ordnung steht, antwortet aufeinander. Der Mensch ist nicht Zuschauer einer fremden Welt, sondern selbst Teil dieses Zusammenklangs.
Darum ist das Böse bei Hildegard nicht einfach nur ein moralischer Fehler. Es ist auch ein Verlust von Beziehung. Wo der Mensch aus der göttlichen Ordnung herausfällt, entsteht Leere, Kälte und Trennung. Die Welt verstummt dort, wo sie nicht mehr antwortet.
3. Materie, Wirklichkeit und Beziehung: Dürr und Schrödinger
Auch die moderne Physik hat das einfache Bild fester Materie erschüttert. In der Tiefe der Materie findet man nicht einfach kleine Kügelchen, die wie winzige Bausteine herumliegen. Man findet Vorgänge, Wahrscheinlichkeiten, Wechselwirkungen und Messereignisse. Hans-Peter Dürr fasste das zugespitzt in dem Satz zusammen: „Materie gibt es nicht!“ Gemeint war nicht, dass unsere Welt Einbildung sei. Gemeint war: Materie ist nicht so fest, eindeutig und dinghaft, wie der Alltag es vermuten lässt.
Dürr sprach deshalb lieber von „Wirklichkeit“. Das Wort verweist auf das, was wirkt. Für ihn war die Welt in ihrem Innersten nicht zuerst ein Haufen von Dingen, sondern ein lebendiger Prozess. Er nannte die kleinsten Ereignisse sinngemäß „Wirkchen“: keine fertigen Sachen, sondern kleine Wirkungen, die im Zusammenhang entstehen.
Auch Erwin Schrödinger, einer der großen Begründer der Quantenmechanik, dachte über diese Fragen weit über die Physik hinaus nach. Er interessierte sich für indische Philosophie, besonders für den Advaita Vedanta. Dort wird die Vielheit der Welt nicht einfach als letzte Wahrheit verstanden. Schrödinger fragte, ob die Trennung zwischen Beobachter und beobachteter Welt vielleicht weniger selbstverständlich ist, als wir meinen.
Damit ist keine Gleichsetzung von mittelalterlicher Theologie, indischer Philosophie und moderner Physik gemeint. Aber alle drei Denkwege stellen auf ihre Weise die gleiche einfache Alltagsannahme infrage: dass die Welt aus lauter voneinander getrennten Dingen besteht.
| Begriff | Einfach erklärt | Bedeutung für das Weltbild |
|---|---|---|
| Realität | Das Wort hängt mit res, also „Ding“, zusammen. Es meint die Welt, wie wir sie als Gegenstände wahrnehmen. | Nützlich für den Alltag und für viele Wissenschaften, aber nicht unbedingt die tiefste Beschreibung der Welt. |
| Wirklichkeit | Das Wort verweist auf das, was wirkt. Es betont Vorgänge, Beziehungen und Veränderungen. | Die Welt erscheint weniger als Sammlung fester Dinge, sondern eher als lebendiges Beziehungsgefüge. |
4. Verschränkung und Information: Die Welt als Beziehungsgefüge
Ein besonders bekanntes Beispiel für die merkwürdige Beziehungsstruktur der Quantenwelt ist die Quantenverschränkung. Zwei Teilchen können so miteinander verbunden sein, dass die Messung an dem einen Teilchen mit dem Zustand des anderen zusammenhängt – auch dann, wenn beide weit voneinander entfernt sind. Experimente, unter anderem im Umfeld von Anton Zeilinger und mit dem chinesischen Satelliten Micius, haben solche Zusammenhänge über große Entfernungen untersucht.
Zeilinger hat immer wieder betont, dass Information in der Quantenphysik eine grundlegende Rolle spielt. Damit ist nicht einfach „Nachricht“ im alltäglichen Sinn gemeint. Es geht um die Frage, was überhaupt über ein physikalisches System ausgesagt werden kann und wie Messung, Zustand und Wirklichkeit zusammenhängen.
Hier liegt eine gedankliche Nähe zu Hildegards Bild des Antwortens. Natürlich spricht Hildegard nicht von Quantenphysik. Aber sie denkt die Welt ebenfalls nicht als Sammlung isolierter Einzelteile. Auch bei ihr kommt es auf Zusammenhang, Ordnung und Beziehung an.
Dürr erklärte diesen Gedanken gern mit Musik. Wer eine Schallplatte oder eine CD nur unter dem Mikroskop betrachtet, findet Rillen, Materialien, Nullen und Einsen. Aber er findet dort nicht unmittelbar die Schönheit einer Beethoven-Sinfonie. Diese entsteht erst, wenn die gespeicherte Struktur im richtigen Zusammenhang hörbar wird. Die Musik steckt nicht als kleines Ding in der Platte. Sie verwirklicht sich im Zusammenspiel von Struktur, Bewegung, Wahrnehmung und Klang.
5. Lebendige Stabilität und Verantwortung für das Ganze
Ein lebendiges System ist nicht einfach starr und unbeweglich. Es bleibt gerade dadurch stabil, dass es sich ständig ausgleicht. Dürr erklärte das am Beispiel des Gehens: Gehen ist im Grunde ein kontrolliertes Fallen. Wir verlieren kurz das Gleichgewicht und fangen uns mit dem nächsten Schritt wieder auf. Stabilität entsteht also nicht durch Stillstand, sondern durch Bewegung.
Das gilt auch für viele natürliche Systeme. Sie sind empfindlich, beweglich und miteinander verbunden. Wer nur einzelne Teile betrachtet und grob eingreift, kann das Ganze stören, ohne es sofort zu merken. Dürr sprach in diesem Zusammenhang sinngemäß davon, dass der Mensch der Natur nicht einfach „kräftig vors Schienbein treten“ dürfe. Denn solche Eingriffe können Blockaden und Schäden im ganzen Gefüge auslösen.
Auch Hildegards Heilmittellehre steht in einem solchen Denken der Zusammenhänge. Pflanzen, Wärme, Kälte, Ernährung, Körper, Seele und Lebensordnung gehören bei ihr zusammen. Der Galgant, den sie als stärkendes Mittel für das Herz beschreibt, ist dafür ein gutes Beispiel. In ihrer Sicht ist das Herz nicht nur ein Organ, sondern ein Zentrum des Menschen. Wenn es gestärkt wird, betrifft das den ganzen Menschen.
Daraus ergibt sich eine ökologische und ethische Folgerung: Wer die Welt als Netz von Beziehungen versteht, kann Schäden nicht mehr nur als isolierte Einzelereignisse betrachten. Jede Verletzung eines Teils kann Folgen für das Ganze haben. Verantwortung bedeutet deshalb, die Zusammenhänge mitzudenken.
6. Fazit: Der Mensch ist nicht allein im Kosmos
Der Vergleich zwischen Hildegards mittelalterlicher Weltsicht und modernen Deutungen der Quantenphysik darf nicht überzogen werden. Hildegard war keine Physikerin, und die Quantenphysik ist keine Bestätigung mittelalterlicher Mystik. Beides gehört in unterschiedliche Zeiten, Sprachen und Denksysteme.
Trotzdem gibt es eine interessante gemeinsame Grundfrage: Ist die Welt im Innersten eine Ansammlung getrennter Dinge – oder ein Gefüge von Beziehungen? Hildegard beantwortet diese Frage theologisch: Alles Geschaffene steht in einer göttlichen Ordnung und antwortet einander. Moderne Physiker wie Dürr oder Zeilinger beschreiben aus ganz anderer Richtung eine Wirklichkeit, in der Information, Zusammenhang und Wechselwirkung eine zentrale Rolle spielen.
Gerade darin liegt der Reiz dieses Vergleichs. Er lädt dazu ein, die Welt nicht als kaltes Uhrwerk zu sehen, sondern als lebendiges, vielschichtiges Gefüge. Der Mensch steht diesem Gefüge nicht äußerlich gegenüber. Er ist Teil davon – verantwortlich, verletzlich und zugleich schöpferisch beteiligt.
Pionierprojekte wie das interdisziplinäre Dialogkonzert „Hildegards Kosmologie trifft Klänge aus der Quantenwelt“ – gestaltet von Dr. Lukas Grünhaupt, Dr. Thomas Tichai und Dr. Maura Zátonyi – machen diese Verbindung sinnlich erfahrbar. Dort werden Klänge aus der modernen Quantenforschung mit Hildegards Gesängen in Beziehung gesetzt. Das beweist nicht, dass Hildegard die Quantenphysik vorausgesehen hätte. Aber es zeigt, dass ihre Vorstellung einer klingenden, geordneten und miteinander verbundenen Welt auch heute noch anregend sein kann.
Die „Symphonie der Wirklichkeit“ ist deshalb vor allem ein starkes Bild: Der Mensch ist nicht einsam in einem toten Universum. Er lebt in einem Zusammenhang, auf den er antwortet – und der auf ihn antwortet.