Der Begriff integrale Ökologie stammt nicht aus den Schriften Hildegards von Bingen. Er wurde vor allem durch die Enzyklika Laudato si' von Papst Franziskus geprägt. Dennoch sehen zahlreiche Autorinnen und Autoren in Hildegards Weltbild wichtige Anknüpfungspunkte für dieses heutige Verständnis einer umfassenden Verantwortung des Menschen für die Schöpfung.
Hildegards Kosmologie beschreibt die Welt als eine von Gott geschaffene und geordnete Einheit. Mensch, Natur und Schöpfer stehen in einer engen Beziehung zueinander. Der Mensch erscheint als Mikrokosmos innerhalb des Makrokosmos und trägt Verantwortung für die ihm anvertraute Schöpfung. Daraus ergibt sich ein Verständnis von Herrschaft, das nicht auf Beherrschung oder Ausbeutung zielt, sondern auf Fürsorge, Weisheit und verantwortliches Handeln.
Nach Hildegards Auffassung bleiben das sittliche Leben des Menschen und die Ordnung der Schöpfung nicht voneinander getrennt. Menschliches Fehlverhalten wirkt sich nicht nur auf den Einzelnen aus, sondern stört die von Gott gewollte Harmonie der Welt. Dies veranschaulicht sie mit den Bildern von Viriditas, der göttlichen Lebenskraft, und Ariditas, dem Zustand von Trockenheit, Erstarrung und Verlust der Lebendigkeit. In ihren Visionen klagen die Elemente der Natur über die Störung dieser Ordnung und machen so die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung sichtbar.
Der Weg zu einer erneuerten Beziehung zwischen Mensch und Natur beginnt für Hildegard mit der Umkehr des Menschen. Tugenden, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und ein Leben im rechten Maß fördern nach ihrem Verständnis die Entfaltung der Viriditas und tragen zur Wiederherstellung der göttlichen Ordnung bei. Die Erneuerung der Schöpfung setzt deshalb immer auch eine Erneuerung des Menschen voraus.
Diese Zusammenhänge lassen sich mit dem Bild des Menschen als Gärtner der Schöpfung veranschaulichen. Der Mensch ist aufgerufen, sowohl das eigene Leben als auch die ihm anvertraute Welt achtsam zu pflegen. Innere Reifung und verantwortlicher Umgang mit der Natur gehören für Hildegard untrennbar zusammen.
Aus heutiger Sicht bieten Hildegards Schriften deshalb vielfältige Anknüpfungspunkte für das Konzept einer integralen Ökologie. Obwohl ihre Gedanken im theologischen Weltbild des 12. Jahrhunderts verwurzelt sind, betonen sie die enge Verbundenheit von Mensch, Natur und Gott sowie die Verantwortung des Menschen für den Erhalt der Schöpfung.