Welterkenntnis – die Welt als Spiegel einer größeren Wirklichkeit

Prozess

Wie entsteht unser Bild von der Welt? Heute suchen wir Antworten vor allem in den Naturwissenschaften. Wir beobachten, messen und analysieren. Im Mittelalter stellte man dieselbe Frage auf andere Weise: Welche Ordnung liegt hinter der sichtbaren Welt? Welche Bedeutung haben Natur, Mensch und Kosmos – und was verraten sie über ihren Ursprung?

Für Hildegard von Bingen bilden diese Fragen eine untrennbare Einheit. Die Welt ist für sie nicht bloß die Summe von Bergen, Sternen, Pflanzen und Lebewesen. Sie ist ein lebendiges Ganzes, das von einer inneren Ordnung durchdrungen wird. Alles steht miteinander in Beziehung: Gott, Mensch und Natur bilden ein Gefüge, in dem jedes Geschöpf seinen Platz und seine Aufgabe besitzt.

Aus diesem Grund trennt Hildegard niemals zwischen Naturbeobachtung, Theologie und Menschenkunde. Wer die Schöpfung aufmerksam betrachtet, gewinnt zugleich Erkenntnisse über sich selbst und – so ihre Überzeugung – über den Schöpfer. Welterkenntnis wird dadurch immer auch zur Selbsterkenntnis.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Denken in ihren großen Visionen vom Kosmos. Der Mensch erscheint dort nicht als zufälliger Bewohner eines riesigen Universums, sondern als dessen Mitte und Verbindungsglied – eingebunden in dieselben Naturkräfte, aus denen auch die übrige Schöpfung besteht. Diese Vorstellung des Menschen als Mikrokosmos, als kleines Abbild des großen Kosmos (*Makrokosmos*), war bereits in der Antike bekannt. Hildegard greift sie auf und verbindet sie mit dem christlichen Glauben zu einem umfassenden Weltbild.

Daraus erwächst zugleich eine ethische Konsequenz. Der Mensch ist nach Hildegards Auffassung nicht Herr über die Schöpfung im Sinn einer grenzenlosen Verfügungsgewalt. Vielmehr trägt er Verantwortung für die Bewahrung der von Gott geschaffenen Ordnung. Sein Handeln beeinflusst nicht nur ihn selbst, sondern das Gleichgewicht des Ganzen. Wo Weisheit, Maß und Liebe das Leben bestimmen, kann sich die göttliche Lebenskraft – die Viriditas – entfalten. Wo Maßlosigkeit, Habgier und Schuld überwiegen, gerät dieses Gleichgewicht aus den Fugen.

Viele dieser Gedanken wirken überraschend aktuell. Die enge Verbundenheit von Mensch und Natur, die Verantwortung für die Schöpfung oder die Einsicht, dass innere und äußere Welt miteinander zusammenhängen, erinnern an moderne Vorstellungen einer ganzheitlichen Ökologie. Dennoch sollte man Hildegard nicht vorschnell als Vorläuferin heutiger Umweltbewegungen verstehen. Ihr Denken ist tief im christlichen Weltbild des 12. Jahrhunderts verwurzelt. Gerade aus diesem historischen Kontext heraus entfaltet es jedoch eine erstaunliche Geschlossenheit und zeitlose Kraft. Die folgenden Kapitel erschließen Schritt für Schritt die wichtigsten Bausteine dieser Kosmologie – vom Menschen als Ebenbild Gottes über das Weltenrad und den Mikrokosmos bis hin zur Verantwortung des Menschen innerhalb der Schöpfung. Gemeinsam zeichnen sie das Bild eines Universums, das nicht als zufällige Ansammlung von Materie erscheint, sondern als sinnvolle, geordnete und von Beziehungen durchdrungene Wirklichkeit.
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