Die Vorstellung des Menschen als Ebenbild Gottes (imago Dei) gehört zu den grundlegenden Gedanken im Werk Hildegards von Bingen. Sie bestimmt ihr Verständnis vom Menschen ebenso wie ihre Kosmologie und Ethik. Der Mensch ist nach ihrem Verständnis nicht nur Teil der Schöpfung, sondern besitzt aufgrund seiner Gottesebenbildlichkeit eine besondere Würde und Verantwortung innerhalb der von Gott geschaffenen Ordnung.
Der Mensch als Mikrokosmos
Hildegard verbindet die biblische Lehre von der Gottesebenbildlichkeit mit der antiken Vorstellung des Menschen als Mikrokosmos. Der Mensch trägt die Strukturen der Schöpfung in sich und steht dadurch in enger Beziehung zum gesamten Kosmos. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis gehören deshalb zusammen: Wer den Menschen versteht, gewinnt zugleich Einsichten in die Ordnung der Schöpfung und ihren göttlichen Ursprung.
In ihren Visionen beschreibt Hildegard den Menschen als Geschöpf, in dem sich die sichtbare und die unsichtbare Welt begegnen. Leib und Seele bilden eine Einheit, durch die der Mensch sowohl an der irdischen als auch an der geistigen Wirklichkeit Anteil hat.
Der Mensch als operarius Dei
Aus der Gottesebenbildlichkeit ergibt sich für Hildegard ein Auftrag. Der Mensch ist berufen, als operarius Dei („Werkmann Gottes“) an der Entfaltung der Schöpfung mitzuwirken. Durch Vernunft, freien Willen und Erkenntnisfähigkeit kann er die ihm anvertraute Welt verantwortungsvoll gestalten. Diese Aufgabe versteht Hildegard nicht als eigenständiges Schöpferhandeln, sondern als Mitwirkung innerhalb der von Gott gesetzten Ordnung.
Verantwortung für die Schöpfung
Die Gottesebenbildlichkeit begründet nach Hildegards Auffassung keine uneingeschränkte Herrschaft über die Natur. Vielmehr verpflichtet sie den Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Weisheit, Unterscheidungsvermögen (discretio) und die Entfaltung der Viriditas dienen dazu, das Leben zu fördern und die von Gott geschaffene Ordnung zu bewahren. Der Mensch soll die Welt deshalb nicht beherrschen, sondern sie in Verantwortung pflegen und entwickeln.
Heilsgeschichtliche Bedeutung
Hildegard verbindet die Gottesebenbildlichkeit mit ihrer Lehre vom Fall der Engel und der Berufung des Menschen. Nach ihrer Auffassung erhält der Mensch innerhalb der Schöpfung einen besonderen Platz, der den durch den Sturz Luzifers entstandenen Verlust im himmlischen Bereich auf heilsgeschichtliche Weise aufgreift. Gute Werke und ein Leben nach Gottes Willen lassen das göttliche Bild im Menschen sichtbar werden und finden nach ihren Visionen auch im Lob der Engel ihren Widerhall.
Maßstab des sittlichen Lebens
Auch im Liber Vitae Meritorum bleibt die Gottesebenbildlichkeit der Maßstab menschlichen Handelns. Laster verdunkeln das Bild Gottes im Menschen und entfernen ihn von seiner ursprünglichen Bestimmung. Tugenden, Umkehr und die bewusste Ausübung des freien Willens eröffnen dagegen den Weg zu einer erneuerten Gemeinschaft mit Gott. Ethisches Handeln bedeutet für Hildegard daher, das göttliche Bild im eigenen Leben immer deutlicher sichtbar werden zu lassen.