Im Scivias (Wisse die Wege) ist das Wirken der Dreifaltigkeit keine abstrakte Glaubenslehre, sondern das lebendige Grundprinzip der gesamten Schöpfung und Heilsgeschichte. Vater, Sohn und Heiliger Geist handeln nicht getrennt voneinander, sondern offenbaren sich als die eine göttliche Wirklichkeit, die den Kosmos erschafft, erhält, erlöst und zur Vollendung führt.
Die trinitarische Struktur des Werkes
Bereits der Aufbau des Scivias folgt einem trinitarischen Schema. Die drei Bücher spiegeln das Wirken der drei göttlichen Personen wider: Das erste Buch richtet den Blick auf Gott den Schöpfer und die Ordnung der Schöpfung, das zweite auf Christus und das Erlösungswerk, das dritte auf den Heiligen Geist, der die Kirche aufbaut und die Heilsgeschichte ihrer Vollendung entgegenführt.
Diese Dreigliederung ist nicht nur eine literarische Ordnung, sondern Ausdruck einer heilsgeschichtlichen Dynamik, in der die Dreifaltigkeit als eine unteilbare Wirklichkeit handelt.
Die Dreifaltigkeit in den Realsymbolen der Schöpfung
Hildegard macht das Geheimnis der Trinität durch Bilder aus der erfahrbaren Welt anschaulich. Die sichtbare Schöpfung besitzt für sie Symbolcharakter, weil sie auf ihren göttlichen Ursprung verweist. Diese Realsymbole zeigen, dass Einheit und Vielfalt einander nicht ausschließen.
So erläutert sie die Dreifaltigkeit am Beispiel des gesprochenen Wortes. Jedes Wort besteht aus Schall, Kraft und Hauch. Diese drei Aspekte lassen sich nicht voneinander trennen und bilden dennoch eine einzige Wirklichkeit. Ebenso deutet sie die Flamme mit ihrem Licht, ihrer Glut und ihrer Wärme oder den Stein mit seinen verschiedenen Eigenschaften als Bilder für das gemeinsame Wirken des einen dreifaltigen Gottes.
Das trinitarische Wirken im Kosmos
Für Hildegard ist die gesamte Schöpfung vom Wirken der Dreifaltigkeit durchdrungen. Der Vater ist Ursprung allen Seins, der Sohn offenbart Gott in der Menschwerdung und führt die Schöpfung zur Erlösung, während der Heilige Geist als lebenspendende Kraft alles durchdringt und erneuert. Besonders die Viriditas, die göttliche Lebensgrüne, erscheint als Ausdruck dieses fortwährenden Wirkens des Geistes.
Schöpfung, Erlösung und Erneuerung bilden daher keine voneinander getrennten Vorgänge, sondern unterschiedliche Dimensionen desselben göttlichen Handelns.
Die Dreifaltigkeit in der Heilsgeschichte
Im dritten Teil des Scivias erscheint die „Säule der wahren Dreifaltigkeit“ als eindrucksvolles Sinnbild der göttlichen Gegenwart in der Geschichte. Sie verweist auf die Einheit von Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit, die das Heilsgeschehen trägt und zugleich den Maßstab des göttlichen Gerichts bildet.
Die Dreifaltigkeit ist damit nicht nur Ursprung der Welt, sondern auch ihre Vollendung. Sie richtet die Schöpfung auf ihr Ziel hin aus, überwindet das Böse und führt alles Geschaffene in die endgültige Gemeinschaft mit Gott.
Fazit
Im Scivias erscheint die Dreifaltigkeit als das lebendige Zentrum von Schöpfung, Heilsgeschichte und Kosmos. Sie offenbart sich in den Bildern der Natur ebenso wie im Erlösungswerk Christi und im Wirken des Heiligen Geistes. Das trinitarische Leben durchdringt die gesamte Wirklichkeit und macht die Welt zu einem geordneten, sinnvollen und auf ihre Vollendung ausgerichteten Ganzen.