Scivias („Wisse die Wege [des Herrn]“; lat. Sci vias Domini) ist das erste Hauptwerk Hildegards von Bingen. Es entstand zwischen 1141 und 1151 und bildet den Ausgangspunkt ihrer visionären Trilogie. Innerhalb dieses Werkzusammenhangs entfaltet Scivias die Heilsgeschichte und die Stellung der Kirche. Darauf bauen der Liber Vitae Meritorum mit seiner ethischen Ausrichtung und der Liber Divinorum Operum mit seiner umfassenden kosmologischen Darstellung auf.
Aufbau und Inhalt
Das Werk umfasst 26 Visionen und gliedert sich in drei Teile, deren Aufbau auf die christliche Trinität verweist.
Der erste Teil (sechs Visionen) behandelt die Schöpfung, die Ordnung des Kosmos, den Sündenfall sowie die Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung. Zu den bekanntesten Bildern gehört die Darstellung des Kosmos als „Welten-Ei“.
Der zweite Teil (sieben Visionen) widmet sich Christus als Erlöser, der Kirche, den Sakramenten und dem Heilswerk Gottes. Die Kirche erscheint dabei als Braut Christi und Gemeinschaft der Gläubigen.
Der dritte Teil (dreizehn Visionen) beschreibt das Wirken des Heiligen Geistes, den Aufbau des geistlichen Heilsgebäudes durch die Tugenden sowie die Vollendung der Heilsgeschichte im Jüngsten Gericht.
Entstehung und kirchliche Anerkennung
Nach Hildegards eigener Darstellung begann die Niederschrift des Werkes nach einer Vision im Jahr 1141, in der sie den Auftrag erhielt, das Gesehene aufzuschreiben. Sie betont in der Protestificatio, ihre Visionen weder im Traum noch in Ekstase empfangen zu haben, sondern bei vollem Bewusstsein mit den „Augen und Ohren des inneren Menschen“.
Die Niederschrift erfolgte mit Unterstützung ihres Sekretärs Volmar und ihrer Vertrauten Richardis von Stade. Einen entscheidenden Schritt zur Anerkennung ihrer Visionen bildete die Synode von Trier (1147/48), auf der Papst Eugen III. Auszüge aus dem noch unvollendeten Werk vorlegen ließ. Die Zustimmung des Papstes – unterstützt durch Bernhard von Clairvaux – stärkte Hildegards Ansehen und ermöglichte ihr weiteres öffentliches Wirken.
Musik und Bildkunst
Der dritte Teil des Scivias schließt mit der „Symphonie der himmlischen Offenbarungen“. Sie enthält frühe Fassungen jener Gesänge, die später in der Sammlung Symphonia armoniae celestium revelationum überliefert wurden, sowie das geistliche Drama Ordo Virtutum.
Besondere Bedeutung besitzt auch die bildliche Überlieferung des Werkes. Der Rupertsberger Kodex, der vermutlich unter Hildegards Mitwirkung entstand, enthielt 35 Miniaturen, welche die Visionen in symbolreicher Form veranschaulichten. Das Original gilt seit 1945 als verschollen; erhalten sind fotografische Reproduktionen und spätere Handschriften.
Bedeutung
Scivias bildet den Ausgangspunkt von Hildegards theologischer Gesamtkonzeption. Das Werk verbindet Schöpfung, Heilsgeschichte und Kirchenverständnis zu einer zusammenhängenden Darstellung und legt damit die Grundlagen für die ethischen und kosmologischen Themen ihrer späteren Hauptwerke.