Schöpfungsordnung

Die Schöpfungsordnung bildet in Hildegards erstem Visionswerk Scivias das theologische Fundament ihrer Weltsicht. Der erste Teil des Werkes behandelt die Erschaffung der Welt, die Ordnung des Kosmos, die Beziehung von Leib und Seele sowie den Sündenfall und seine Folgen. Von diesem Ausgangspunkt entfaltet Hildegard ihre gesamte Heilsgeschichte.

Die von Gott geschaffene Ordnung

Nach Hildegards Verständnis ist die Welt Ausdruck einer von Gott gewollten Ordnung. Die Schöpfung bildet ein zusammenhängendes Ganzes, in dem alle Geschöpfe und Elemente aufeinander bezogen sind und auf ihren Schöpfer verweisen. In einer ihrer bekanntesten Visionen beschreibt sie den Kosmos als ein großes „Welten-Ei“, dessen verschiedene Bereiche eine geordnete Einheit bilden. Auch die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie zwischen Mann und Frau versteht sie als Teil dieser ursprünglichen Schöpfungsordnung.

Von der constitutio zur destitutio

Den ursprünglichen Zustand der Schöpfung bezeichnet Hildegard als constitutio prima, die vollkommene göttliche Ordnung. Mit dem Sündenfall tritt nach ihrer Auffassung eine destitutio ein – eine Störung dieser Ordnung. Weil der Mensch mit Vernunft und freiem Willen ausgestattet ist, wirken seine Entscheidungen nicht nur auf sein persönliches Leben zurück, sondern betreffen nach Hildegards Verständnis auch die gesamte Schöpfung. Die Folgen menschlicher Schuld beschreibt sie in ihren Visionen als Störung des harmonischen Zusammenwirkens der Elemente und der natürlichen Ordnung.

Die Schöpfungsordnung im heilsgeschichtlichen Zusammenhang

Scivias beschränkt sich nicht auf die Darstellung des Sündenfalls. Das Werk entfaltet vielmehr den Weg von der ursprünglichen Schöpfung über die gestörte Ordnung bis zur Erlösung durch Christus. Die Heilsgeschichte beschreibt den Weg, auf dem Gott die gefallene Schöpfung ihrer endgültigen Vollendung entgegenführt. Diese Hoffnung prägt den gesamten Aufbau des Werkes und mündet in der Vision der erneuerten Schöpfung am Ende der Zeiten.

Bedeutung

Die Schöpfungsordnung bildet den Ausgangspunkt von Hildegards Theologie, Anthropologie und Kosmologie. Der Mensch ist Teil dieser Ordnung und zugleich für sein Handeln verantwortlich. Aus der Verbindung von Schöpfung, freiem Willen und Erlösung entwickelt Hildegard jene umfassende Sicht von Mensch, Natur und Gott, die ihre späteren Werke weiter entfalten.


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