Die Vorstellung des Menschen als Mikrokosmos gehört zu den grundlegenden Gedanken im Liber Divinorum Operum. Hildegard von Bingen greift damit eine aus der antiken Naturphilosophie bekannte Vorstellung auf und verbindet sie mit der christlichen Schöpfungslehre. Der Mensch erscheint als Geschöpf, das in besonderer Weise mit der gesamten Schöpfung verbunden ist und ihre Ordnung in sich widerspiegelt.
Der Mensch und der Makrokosmos
Nach Hildegards Verständnis besteht der Mensch aus denselben vier Elementen wie die übrige Schöpfung: Feuer, Luft, Wasser und Erde. Deshalb steht er in einer engen Beziehung zum Makrokosmos. Diese Verbindung veranschaulicht sie besonders eindrucksvoll in der Vision des Weltenrades, in dessen Mitte der Mensch mit ausgebreiteten Armen dargestellt wird. Das Bild verdeutlicht seine Einbindung in die von Gott geschaffene Ordnung und seine Beziehung zu den Kräften des Kosmos.
Plenum opus Dei
Hildegard bezeichnet den Menschen als plenum opus Dei („volles Werk Gottes“). In ihm begegnen sich die sichtbare und die unsichtbare Wirklichkeit. Durch seinen Leib gehört er zur materiellen Schöpfung, durch seine Seele ist er auf Gott hingeordnet. Diese besondere Stellung befähigt ihn, die Welt zu erkennen und in ihr zugleich ihren göttlichen Ursprung wahrzunehmen.
Operarius Dei
Aus dieser Stellung ergibt sich ein Auftrag. Als operarius Dei („Werkmann Gottes“) soll der Mensch die ihm anvertraute Schöpfung verantwortungsvoll gestalten. Seine Vernunft, sein freier Wille und seine Fähigkeit zur Erkenntnis dienen nicht allein seinem eigenen Nutzen, sondern sollen dazu beitragen, die von Gott geschaffene Ordnung zu bewahren und sichtbar werden zu lassen.
Verantwortung innerhalb der Schöpfung
Die Vorstellung vom Menschen als Mikrokosmos bedeutet keine Trennung von der Natur, sondern verweist auf eine enge gegenseitige Beziehung. Der Mensch lebt aus den Kräften der Schöpfung und bleibt auf sie angewiesen. Zugleich beeinflusst sein Handeln nach Hildegards Verständnis die Ordnung, in der er lebt. Die enge Verbindung zwischen Mensch und Welt bildet deshalb eine wesentliche Grundlage ihrer Anthropologie und Kosmologie.
Bedeutung innerhalb des Werkes
Der Mensch als Mikrokosmos gehört zu den Leitmotiven des Liber Divinorum Operum. Er verbindet Schöpfungstheologie, Anthropologie und Ethik miteinander. Weil der Mensch die Ordnung der Schöpfung in sich widerspiegelt und zugleich mit freiem Willen ausgestattet ist, kommt seinem Handeln eine besondere Verantwortung zu. Erkenntnis, Tugend und die Entfaltung der Viriditas tragen nach Hildegards Verständnis dazu bei, dass der Mensch seiner Stellung innerhalb der Schöpfung gerecht wird.