Der Liber Divinorum Operum („Buch der göttlichen Werke“), auch unter dem Titel De operatione Dei überliefert, ist das letzte der drei großen Visionswerke Hildegards von Bingen. Es entstand zwischen etwa 1163 und 1173/1174 und stellt die umfassendste Darstellung ihrer Kosmologie und Schöpfungstheologie dar.
Innerhalb der visionären Trilogie führt der Liber Divinorum Operum die Gedanken der beiden früheren Werke zusammen. Während Scivias die Heilsgeschichte entfaltet und der Liber Vitae Meritorum das sittliche Handeln des Menschen behandelt, richtet sich der Blick nun auf den Zusammenhang von Gott, Mensch und Schöpfung.
Theologischer Ausgangspunkt
Das Werk knüpft insbesondere an den Prolog des Johannesevangeliums („Im Anfang war das Wort“) sowie an den biblischen Schöpfungsbericht an. Das göttliche Wort (Logos) erscheint als Ursprung und ordnendes Prinzip der Schöpfung. Die gesamte Welt wird als von Gott geschaffene Wirklichkeit verstanden, deren innere Ordnung auf seinen Willen zurückgeht.
Aufbau des Werkes
Der Liber Divinorum Operum gliedert sich in drei Teile mit insgesamt zehn Visionen.
Der erste Teil beschreibt die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Kosmos. Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Menschen als Mikrokosmos innerhalb der Schöpfung. Als plenum opus Dei („volles Werk Gottes“) und operarius Dei („Werkmann Gottes“) nimmt er eine besondere Stellung innerhalb der von Gott geschaffenen Ordnung ein.
Der zweite Teil behandelt die Ordnung der Schöpfung, den Aufbau der Welt sowie heilsgeschichtliche Zusammenhänge. Dabei verbindet Hildegard die Auslegung der biblischen Schöpfungstage mit theologischen und moralischen Deutungen.
Der dritte Teil greift Motive aus Scivias erneut auf und führt sie weiter. Er beschreibt die Geschichte der Kirche, die letzten Dinge sowie die Vollendung der Schöpfung in Christus, der als ewiger Logos Anfang und Ziel allen Seins ist.
Zentrale Gedanken
Im Liber Divinorum Operum treten mehrere Schlüsselbegriffe von Hildegards Denken in einen engen Zusammenhang. Dazu gehören insbesondere Caritas (Liebe), Rationalitas (vernunftgemäße Ordnung) und Viriditas (göttliche Lebenskraft). Gemeinsam beschreiben sie die von Gott gestiftete Ordnung der Schöpfung sowie die Verantwortung des Menschen innerhalb dieses Gefüges.
Der Mensch erscheint nicht als von der Schöpfung unabhängiger Herrscher, sondern als Teil der von Gott geschaffenen Welt. Seine Aufgabe besteht darin, mit Vernunft, Maß und Verantwortung zu handeln und dadurch die göttliche Ordnung zu achten und zu bewahren.
Überlieferung und Bildausstattung
Der Text des Werkes wurde während Hildegards Lebens in ihrem Umfeld niedergeschrieben, wobei ihr Sekretär Volmar eine wichtige Rolle bei der Redaktion spielte. Besondere Bedeutung besitzt der später entstandene Lucca-Kodex, dessen Miniaturen zu den eindrucksvollsten Bildzeugnissen von Hildegards Visionen gehören. Darunter befindet sich auch die bekannte Darstellung des Menschen im kosmischen Rad, die ihre Vorstellung von der Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos anschaulich veranschaulicht.
Bedeutung
Der Liber Divinorum Operum bildet den Abschluss von Hildegards visionärem Werk. Er verbindet Schöpfungstheologie, Anthropologie, Heilsgeschichte und Kosmologie zu einer umfassenden Gesamtschau. Der Mensch erscheint darin als Geschöpf Gottes, das durch Erkenntnis, verantwortliches Handeln und die Pflege der Tugenden seinen Platz innerhalb der Schöpfung wahrnimmt und so an der Entfaltung der göttlichen Ordnung mitwirkt.