Kosmologische Synthese

Im Liber Divinorum Operum („Buch der göttlichen Werke“) entfaltet Hildegard von Bingen ihre umfassendste Darstellung der Beziehung zwischen Gott, Mensch und Schöpfung. Das Werk verbindet die heilsgeschichtlichen Grundlagen des Scivias mit den ethischen Überlegungen des Liber Vitae Meritorum und führt beide zu einer weit ausgreifenden kosmologischen Gesamtschau zusammen.

Das göttliche Wort als Ursprung der Schöpfung

Ausgangspunkt des Werkes ist die Überzeugung, dass die gesamte Schöpfung im göttlichen Wort (Logos) ihren Ursprung hat. Hildegard knüpft dabei insbesondere an den Prolog des Johannesevangeliums an. Die Welt erscheint als von Gott geschaffene und geordnete Wirklichkeit, in der Natur, Mensch und Geschichte aufeinander bezogen sind und ihren Sinn aus dem schöpferischen Handeln Gottes erhalten.

Das Weltenrad

Zu den bekanntesten Bildern des Liber Divinorum Operum gehört das Weltenrad (rota). Es veranschaulicht die Ordnung und Einheit der Schöpfung. Die verschiedenen Kreise des Rades umfassen die Elemente, die Himmelskörper und die Kräfte der Natur, die nach Hildegards Vorstellung in einer von Gott gestifteten Ordnung zusammenwirken. Die kreisförmige Gestalt verweist auf Vollständigkeit, Harmonie und die Einheit der Schöpfung.

Der Mensch als Mikrokosmos

Im Mittelpunkt des Weltenrades steht der Mensch. Hildegard greift hier die antike Vorstellung vom Menschen als Mikrokosmos auf und verbindet sie mit der christlichen Schöpfungslehre. Der Mensch besteht aus denselben Elementen wie die übrige Schöpfung und steht deshalb in enger Beziehung zum Makrokosmos. Als plenum opus Dei („volles Werk Gottes“) vereint er leibliche und geistige Wirklichkeit. Dadurch besitzt er die Fähigkeit, sowohl die sichtbare Welt wahrzunehmen als auch ihren Ursprung in Gott zu erkennen.

Gott, Mensch und Schöpfung

Die kosmologische Gesamtschau des Werkes beschreibt Gott, Mensch und Schöpfung als aufeinander bezogene Wirklichkeiten. Der Mensch lebt nicht unabhängig von der Natur, sondern ist Teil der von Gott geschaffenen Ordnung und auf sie angewiesen. Daraus ergibt sich für ihn eine besondere Verantwortung. Seine Aufgabe besteht nicht darin, die Schöpfung beliebig zu beherrschen, sondern sie mit Weisheit, Maß und Unterscheidungsvermögen zu gestalten und zu bewahren.

Bedeutung des Werkes

Der Liber Divinorum Operum führt die zentralen Gedanken von Hildegards Theologie zusammen. Schöpfung, Heilsgeschichte, Anthropologie und Ethik erscheinen als verschiedene Aspekte einer einzigen göttlichen Ordnung. Begriffe wie Caritas, Rationalitas, Viriditas und Discretio erhalten innerhalb dieses Zusammenhangs ihre volle Bedeutung. Der Mensch wird als Geschöpf verstanden, das durch Erkenntnis, verantwortliches Handeln und die Pflege der Tugenden an der Entfaltung der von Gott geschaffenen Welt mitwirkt.


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