Die Heilsgeschichte bildet einen der zentralen Leitgedanken von Hildegard von Bingens erstem Visionswerk Scivias („Wisse die Wege“). Das Werk beschreibt den Weg Gottes mit der Schöpfung – von ihrem Ursprung über den Sündenfall bis zur Erlösung des Menschen und zur Vollendung der Schöpfung am Ende der Zeiten. Der Titel verweist auf die Aufgabe des Menschen, diese göttlichen Wege zu erkennen und sich an ihnen auszurichten.
Die dreifache Gliederung des Werkes
Scivias umfasst 26 Visionen, die auf drei Bücher verteilt sind. Diese Gliederung entspricht dem Aufbau des Werkes und lässt sich zugleich als Ausdruck seines trinitarischen Denkens verstehen.
Das erste Buch richtet den Blick auf die Schöpfung, den Fall der Engel, den Sündenfall des Menschen und die daraus entstandene Störung der ursprünglichen Ordnung.
Das zweite Buch behandelt das Erlösungswerk Christi. Im Mittelpunkt stehen die Menschwerdung, das Heilsgeschehen sowie die Kirche und ihre Sakramente als Fortsetzung des göttlichen Heilswirkens in der Geschichte.
Das dritte Buch widmet sich dem Wirken des Heiligen Geistes, dem geistlichen Leben der Kirche und der Vollendung der Heilsgeschichte. Es endet mit der Darstellung der letzten Dinge, des Gerichts und der erneuerten Schöpfung.
Das Bild des Heilsgebäudes
Ein zentrales Symbol des dritten Buches ist das Bild eines großen Heilsgebäudes. Hildegard beschreibt die Heilsgeschichte als einen fortschreitenden Aufbau, an dem Gott und die Menschen in unterschiedlicher Weise beteiligt sind. Türme, Mauern, Säulen und andere architektonische Elemente stehen für einzelne Aspekte des göttlichen Heilsplans. Auch die personifizierten Tugenden wirken an diesem Aufbau mit und begleiten den Menschen auf seinem Weg der Umkehr und des geistlichen Wachstums.
Scivias innerhalb der Visionstrilogie
Innerhalb von Hildegards drei großen Visionswerken bildet Scivias den heilsgeschichtlichen Ausgangspunkt. Es entfaltet die Grundlagen von Schöpfung, Erlösung und kirchlichem Leben, auf denen die beiden späteren Werke aufbauen.
Der Liber Vitae Meritorum richtet den Blick anschließend auf das sittliche Handeln des Menschen und seine Verantwortung innerhalb dieser Heilsordnung. Der Liber Divinorum Operum erweitert die Perspektive schließlich zu einer umfassenden Darstellung der Beziehung zwischen Gott, Mensch und Kosmos.
Zusammen zeigen die drei Werke unterschiedliche, aber eng miteinander verbundene Dimensionen von Hildegards Denken: die Heilsgeschichte, die Ethik des menschlichen Handelns und die kosmische Ordnung der Schöpfung. Scivias bildet dabei den Ausgangspunkt, von dem aus sich die weiteren theologischen und anthropologischen Themen ihres Werkes entfalten.