Im größeren Kontext von Hildegard von Bingens "Wegbegleitern" nahm der Mönch Volmar von Disibodenberg († 1173) die mit Abstand längste, engste und wohl wichtigste Rolle ein. Er war weit mehr als nur ihr Sekretär; er fungierte über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren als ihr Lehrer, Beichtvater, Propst und engster Freund.
Seine Bedeutung als Wegbegleiter lässt sich an folgenden zentralen Aspekten festmachen:
1. Entdeckung und Validierung ihrer Visionen Während Jutta von Sponheim (ihre erste Lehrmeisterin) Hildegard in das klösterliche Leben einführte, war es Volmar, der Hildegards seherische Gaben als Erster anerkannte und validierte. Als Hildegard als junge Frau das Geheimnis ihrer Visionen Jutta anvertraute, gab diese es an Volmar weiter. Als Hildegard später von schweren Selbstzweifeln und Krankheit geplagt wurde, war es Volmar, der sie ermutigte, dem göttlichen Befehl zu folgen und ihre Visionen niederzuschreiben.
2. Die intellektuelle "Feile" des Scriptoriums Hildegard betonte oft, dass sie zwar den tiefen Sinn der Heiligen Schrift durch ihre Visionen erfasse, aber keine formale grammatikalische Ausbildung besitze und weder Fälle noch Zeiten im Lateinischen beherrsche. Hier kam Volmar als unabdingbarer intellektueller Wegbegleiter ins Spiel. Hildegard nutzte für diese Zusammenarbeit ein eindrückliches Bild: Sie verstand sich selbst als göttliches Instrument, während Volmar die "Feile" war, die ihre Worte glätten sollte, damit sie für die Menschen einen verständlichen Klang erhielten.
Dabei gab es im Netzwerk eine absolute rote Linie: Volmar korrigierte lediglich die Grammatik (Fälle, Zeiten, Geschlechter), durfte aber niemals etwas hinzufügen oder entfernen, das den göttlichen Sinn der Texte verändert hätte. Ohne Volmars geduldige redaktionelle Arbeit hätte Hildegards Hauptwerk, das Scivias, nie seine endgültige Form gefunden.
3. Politischer Rückhalt und musikalisches Wirken Die Loyalität Volmars war außergewöhnlich. Als Hildegard beschloss, den Disibodenberg zu verlassen und ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg zu gründen, begleitete er sie zusammen mit 20 Nonnen und übernahm dort das Amt des Propstes. Hildegard musste sogar gegen den Widerstand des Disibodenberger Konvents kämpfen, um Volmars Verbleib auf dem Rupertsberg dauerhaft zu sichern.
Darüber hinaus verband die beiden vermutlich auch die Musik. Es wird angenommen, dass Volmar Hildegard einfache Psalmennotationen beibrachte, was den Grundstein für ihr eigenes musikalisches Schaffen legte. Forscher gehen zudem davon aus, dass Volmar bei der Aufführung von Hildegards moralischem Singspiel Ordo Virtutum die Rolle des Teufelsübernahm – die einzige Rolle, die ihre Texte nicht singt, sondern schreit, da der Teufel von jeglicher himmlischen Harmonie ausgeschlossen ist.
4. Das Vakuum nach seinem Tod Wie existenziell Volmars Rolle im wegbegleitenden Netzwerk war, zeigte sich bei seinem Tod im Jahr 1173. Hildegard stürzte in tiefe Trauer. In einem Epilog zu ihrem Werk Liber divinorum operumschrieb sie den ergreifenden Satz, dass sie, dieses geliebten Mannes beraubt, "eine Waise auf dieser Welt" sei. Er hatte jedes Wort ihrer Visionen mit großer Sorgfalt aufgenommen und ihr stets den Rücken gestärkt.
Der Verlust Volmars hinterließ eine gewaltige Lücke in ihrem kollaborativen Netzwerk. Um diese zu füllen und ihre Alterswerke vollenden zu können, war Hildegard auf neue Kleriker angewiesen. Männer wie Abt Ludwig von St. Eucharius, Propst Wezelin aus Köln und später die Sekretäre Gottfried von Disibodenberg und Guibert von Gembloux traten in das Netzwerk ein, um Volmars unverzichtbare Arbeit als Redakteure und Begleiter fortzuführen.