Zwischen 1158 und 1171 unternahm Hildegard von Bingen vier ausgedehnte Predigtreisen, was im 12. Jahrhundert für eine Frau einen absoluten und beispiellosen Bruch mit den gesellschaftlichen und kirchenrechtlichen Normen darstellte. Frauen war das öffentliche Lehren und Predigen eigentlich strengstens untersagt, doch Hildegard rechtfertigte ihr Auftreten damit, nicht aus eigenem Antrieb, sondern als prophetisches Sprachrohr Gottes zu sprechen.
Ihre weitreichenden Touren, die sie trotz ihres Alters und ihrer anfälligen Gesundheit teils per Schiff und Pferd zurücklegte, werden in der historischen Forschung klassischerweise in vier ausgedehnte Reisen unterteilt:
- Die erste Reise (ca. 1158–1159): Hildegard reiste entlang des Mains nach Mainz, Würzburg, Bamberg und in das Kloster Ebrach. Dort hielt sie vor allem Reformansprachen, die sich direkt an Domkapitel und bedeutende Männerklöster richteten. - Die zweite Reise (ca. 1160): Diese Tour führte sie nach Trier, Metz und Krauftal. Hier hielt sie öffentliche Bußpredigten, mit denen sie neben dem Klerus auch gezielt das einfache Volk in den Städten ansprach. - Die dritte und wohl weitreichendste Reise (ca. 1161–1163): Im Alter von 65 Jahren reiste sie rheinabwärts nach Boppard, Andernach, Siegburg, Köln, Werden und Lüttich (Liège). Zentrale Inhalte dieser Reise waren eine scharfe „Klerikerschelte“, in der sie die Korruption, Habgier und mangelnde Seelsorge der Priester anprangerte, sowie eindringliche Warnungen vor der leibfeindlichen Sekte der Katharer, die sich im Rheinland auszubreiten drohte. - Die vierte Reise (ca. 1170–1171): Auf ihrer letzten Tour reiste die mittlerweile über 70-jährige Hildegard fast 250 Meilen weit nach Schwaben, unter anderem nach Rothenburg ob der Tauber und in das Kloster Zwiefalten. Im Mittelpunkt standen hier letzte Reformaufrufe an monastische Eliten sowie die Konsolidierung schwäbischer Frauenklöster.
Der größere theologische und historische Kontext der Predigtreisen
Eingebettet in das Gesamtbild der „Predigtreisen“ zeigen diese vier Touren, dass Hildegards Einfluss weit über die Mauern ihres Klosters Rupertsberg hinausreichte. Ermutigt und eingeladen wurde sie zu dieser ungewöhnlichen apostolischen Tätigkeit ironischerweise durch die höchsten Kirchenmänner selbst, darunter die Päpste Hadrian IV. und Alexander III.. Hildegards öffentliche Auftritte dürfen dabei nicht mit heutigen Predigten während der Messe verwechselt werden; es handelte sich im Mittelalter vielmehr um spirituelle Vorträge und geistliche Ermahnungen, die außerhalb der Liturgie auf Marktplätzen oder in Kapitelssälen stattfanden.
Ein wichtiger Aspekt, den die moderne Quellenkritik hervorhebt, ist die Tatsache, dass die strenge Einteilung in exakt "vier ausgedehnte Reiserouten" teilweise ein historiographisches Konstrukt des frühen 20. Jahrhunderts ist, welches stark auf den Schilderungen ihrer Vita aufbaut. Dennoch ist durch zeitgenössische Zeugnisse und vor allem durch ihre diplomatische Korrespondenz absolut zweifelsfrei belegt, dass Hildegard in diesen Städten gelehrt hat. Häufig waren ihre Reden so eindrucksvoll, dass Kleriker aus den besuchten Städten – wie etwa aus Köln oder Kirchheim – sie im Nachhinein brieflich anflehten, ihre Worte noch einmal schriftlich zu fixieren und ihnen zuzusenden, damit ihre prophetischen Ermahnungen nicht in Vergessenheit gerieten.