Propst Gottfried (Gottfried von Disibodenberg) trat in einer der verletzlichsten und kritischsten Phasen in das kollaborative Netzwerk Hildegards von Bingen ein. Innerhalb des größeren Kontextes ihrer Wegbegleiter steht er repräsentativ für die stetige Notwendigkeit Hildegards, ihre visionäre theologische Arbeit und ihr klösterliches Leben durch klerikale Unterstützung abzusichern.
Die Schließung einer existenziellen Lücke Im Jahr 1173 verstarb Volmar von Disibodenberg, der Hildegard fast sechzig Jahre lang als Lehrer, Beichtvater und Sekretär gedient hatte und eine gewaltige Lücke in ihrem Schaffen hinterließ. Hildegard verbrachte viel Zeit und Energie mit der Suche nach einem adäquaten Nachfolger, bis der Mönch Gottfried Ende 1174 oder Anfang 1175 vom Kloster Disibodenberg auf den Rupertsberg kam. Dort übernahm er unmittelbar die essentielle Rolle des neuen Sekretärs, Propstes und Spirituals (Seelsorgers) für Hildegard und ihre Nonnen.
**Beginn der offiziellen Lebensbeschreibung (\Vita\) Gottfrieds weitaus bedeutendster historischer und literarischer Beitrag im Rahmen der Wegbegleiter ist der Beginn der offiziellen Biografie Hildegards**, der Vita sanctae Hildegardis. Er verfasste das erste Buch dieses Werkes, das in der Forschung oft als Libellus („kleines Buch“) bezeichnet wird.
Besonders bemerkenswert für die Dynamik zwischen Hildegard und ihren Begleitern ist, dass Gottfried diese Lebensbeschreibung unter der direkten Aufsicht Hildegards begann. Die moderne Forschung geht sogar davon aus, dass Hildegard autobiografische Skizzen lieferte und an dem von Gottfried verfassten Text aktiv mitgearbeitet hat. Zudem wird angenommen, dass Gottfried neben Volmar und dem späteren Sekretär Guibert von Gembloux einer der Schreiber war, die an der Erstellung des monumentalen Rupertsberger Riesenkodex beteiligt waren, in dem Hildegards Gesamtwerk (außer den medizinischen Schriften) gesammelt wurde.
Früher Tod und die arbeitsteilige Fortführung seines Werkes Gottfrieds Wirken als engster Wegbegleiter währte tragischerweise nur sehr kurz, da er bereits im Jahr 1175 oder 1176 verstarb. Er hinterließ die begonnene Biografie unvollendet.
An seinem Schicksal zeigt sich jedoch eindrucksvoll, wie das Netzwerk der Wegbegleiter als kollektives und generationsübergreifendes Unterfangen funktionierte, um Hildegards Vermächtnis zu sichern:
- Zunächst wurde der flandrische Gelehrte Guibert von Gembloux gebeten, die von Gottfried begonnene Arbeit fortzuführen, musste das Projekt aber unvollendet lassen, da er in sein Heimatkloster zurückkehrte. - Schließlich beauftragten Abt Ludwig von St. Eucharius (Trier) und Abt Gottfried von Echternach den Echternacher Mönch Theoderich, das Werk in den 1180er Jahren endgültig abzuschließen. Theoderich nutzte dafür ausdrücklich die Vorarbeiten, Manuskripte und den hagiografischen Libellus, die Gottfried von Disibodenberg vor seinem frühen Tod zusammengetragen hatte.
Zusammenfassend war Propst Gottfried der unverzichtbare Initiator von Hildegards offizieller Heiligengeschichte. Er fing sie nach dem Schock von Volmars Tod intellektuell und seelsorgerisch auf und legte den literarischen Grundstein für ihr posthumes Bild als Prophetin, der erst durch das reibungslose Ineinandergreifen späterer Wegbegleiter vollendet werden konnte.