Papst Eugen III. (Anerkennung der Visionen)

Die Quellen verdeutlichen, dass Papst Eugen III. die entscheidende kirchenpolitische Rolle bei der Anerkennung von Hildegards Sehergabe spielte. Im größeren Kontext ihrer Korrespondenz offenbart sich an diesem Beispiel jedoch auch, wie strategisch und teils manipulativ Hildegard und ihr wegbegleitendes Netzwerk Briefe einsetzten, um ihre Autorität für die Nachwelt abzusichern.

Die Trierer Synode und die Anerkennung (1147/1148) Als Hildegard 1141 den inneren Befehl erhielt, ihre Visionen niederzuschreiben, plagten sie immense Selbstzweifel und Angst vor dem Urteil der Menschen. Über eine gezielte Korrespondenz mit dem damals einflussreichsten Kirchenmann Europas, dem Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, suchte sie theologische Legitimation. Obwohl Bernhards Antwort eher zurückhaltend ausfiel, nutzte er seinen Einfluss auf der Synode von Trier (1147/1148). Er legte dem anwesenden Papst Eugen III. – der sein eigener Schüler war – Teile von Hildegards unfertigem Erstlingswerk Scivias vor. Eine päpstliche Untersuchungskommission prüfte die Schriften und befand sie für authentisch. Daraufhin verlas Papst Eugen III. die Texte persönlich vor den versammelten Kardinälen. Er erteilte Hildegard den päpstlichen Segen und ermutigte sie offiziell, alles vom Heiligen Geist Empfangene weiterhin niederzuschreiben und zu veröffentlichen.

Der Briefwechsel mit dem Papst zur Sicherung der Autorität Hildegard nutzte ihre Korrespondenz im Anschluss strategisch, um sich die päpstliche Rückendeckung dauerhaft zu sichern. In einem Brief an Eugen III., der kurz nach der Synode entstand, bat sie ihn eindringlich, ihre Schriften vor "weisen Männern mit irdischer Neigung" zu schützen, die sie ablehnten, nur weil sie von einer ungebildeten Frau stammten. Dabei bediente sie sich einer poetischen Metapher: Sie verglich sich selbst mit einer winzigen Feder, die von einem starken König (Gott) durch einen mächtigen Wind (den Heiligen Geist) wunderbar in der Luft gehalten wird, damit sie nicht zu Boden fällt.

Quellenkritik: Redaktionelle Fälschung päpstlicher Briefe Im größeren Kontext von Hildegards umfangreichem Briefbuch (Liber epistolarum) zeigt die moderne historische Forschung jedoch ein brisantes Bild bezüglich der päpstlichen Korrespondenz. Es ist überliefert, dass der Papst sich mit einem enthusiastischen Gruß- und Glückwunschschreiben an Hildegard und ihren Konvent wandte. Die moderne Forschung stuft diesen päpstlichen Brief (sowie zwei weitere Schreiben von anderen Päpsten an Hildegard) heute jedoch als Fälschung ein.

Um Hildegards Vermächtnis als unantastbare Prophetin (prophetissa teutonica) kirchenrechtlich und hierarchisch untermauern zu können, griff das Rupertsberger Scriptorium – insbesondere ihre Sekretäre Volmar und später Guibert von Gembloux – massiv in die Überlieferung ein. Briefe wurden geglättet, Empfänger ausgetauscht oder eben komplett fingiert. Diese Fälschungen von Papstbriefen und die Stilisierung des Briefwechsels geschahen sehr wahrscheinlich noch zu Hildegards Lebzeiten und mit ihrem Wissen oder gar auf ihre eigene Initiative hin, um ihr Werk in eine dogmatisch unangreifbare Position zu heben.

Grenzen der päpstlichen Unterstützung Dass die briefliche Verbindung zum Papst trotz der Anerkennung ihrer Visionen nicht bedeutete, dass Hildegard stets ihren Willen bekam, zeigt der Konflikt um ihre engste Vertraute Richardis von Stade. Als diese gegen Hildegards Willen zur Äbtissin von Bassum gewählt wurde, wandte sich Hildegard um das Jahr 1152 in flammenden Protestbriefen direkt an Papst Eugen III., um die Versetzung zu stoppen. Der Papst ignorierte jedoch ihre Bitten und stützte die Entscheidung des Mainzer Erzbischofs, woraufhin Richardis das Kloster Rupertsberg verlassen musste.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Papst Eugen III. durch die Anerkennung ihrer Visionen den Grundstein für Hildegards beispielloses öffentliches Wirken legte. Der dazugehörige Briefwechsel ist jedoch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Hildegards Korrespondenz keine neutrale historische Ablage war, sondern ein literarisch-theologisches und kirchenpolitisches Werkzeug, das von ihrem Netzwerk aktiv bearbeitet und sogar gefälscht wurde, um ihre göttliche Autorität unangreifbar zu machen.


↑ Zum Anfang