Im Rahmen ihrer weitreichenden Korrespondenz, die knapp 390 erhaltene Briefe umfasst, wandte sich Hildegard von Bingen an die höchsten geistlichen Würdenträger ihrer Zeit, darunter auch an die Päpste Anastasius IV. und Alexander III.. Der Briefwechsel mit diesen beiden Päpsten verdeutlicht unterschiedliche Aspekte ihrer Autorschaft: Er zeigt sie einerseits als furchtlose und scharfe Kritikerin der Kirchenführung und andererseits als kirchenpolitische Taktikerin.
Papst Anastasius IV. (1153–1154): Die kompromisslose Kritikerin In ihrem Schreiben an Papst Anastasius IV. (etwa 1153/1154) trat Hildegard als schonungslose Kritikerin einer schwachen Kirchenführung auf. Anstatt sich der Hierarchie demütig zu unterwerfen, verfasste sie einen scharfen Reformappell gegen die Trägheit und weltliche Nachgiebigkeit des Papsttums. Sie nannte den Papst "müde" und warf ihm vor, depravierte und verdorbene Menschen in seinem Umfeld zu dulden, anstatt deren Arroganz in die Schranken zu weisen. In drastischen Worten ermahnte sie ihn, dass Rom wie "sterbend" darniederliege, und forderte ihn auf, als wahrer Hirte aufzuwachen und seine Herde von Schmutz zu reinigen. Interessanterweise nutzte sie diesen sehr kritischen Brief auch, um beiläufig eines der größten Geheimnisse ihres Lebens zu erwähnen: Sie berichtete Anastasius von einem Wunder, durch das sie ihre "Unbekannte Sprache" (Lingua ignota) und "Unbekannte Schrift" (Litterae ignotae) erschaffen habe.
Papst Alexander III. (1159–1181): Kirchenpolitische Verbündete und praktische Unterstützung Mit Papst Alexander III. verband Hildegard eine eher politisch und praktisch geprägte Korrespondenz. In der großen kirchenpolitischen Krise ihrer Zeit, dem 17 Jahre andauernden Schisma, in dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa mehrere Gegenpäpste aufstellte, stand Hildegard fest auf der Seite des rechtmäßigen römischen Papstes Alexander III.. Alexander III. gehörte zu den mächtigen Persönlichkeiten, die den Rat der „Sibylle vom Rhein“ suchten. Hildegard wusste diesen Kontakt aber auch geschickt für die inneren Angelegenheiten ihres Klosters zu nutzen. Als es um die Unabhängigkeit ihres Konvents auf dem Rupertsberg ging, wandte sie sich an Alexander III., um das Recht ihres Klosters auf die freie Wahl eines Propstes (aus dem Mutterkloster Disibodenberg) erfolgreich durchzusetzen, der ihr gleichzeitig als Sekretär dienen sollte.
Der größere Kontext der Korrespondenz: Stilisierung und Fälschung Der Briefwechsel mit Anastasius IV. und Alexander III. muss im größeren Rahmen des sogenannten Liber epistolarum (Buch der Briefe) betrachtet werden. Die Korrespondenz war im Mittelalter keine private Angelegenheit, sondern ein öffentliches, literarisch-theologisches Werkzeug. Um Hildegards Autorität als Sprachrohr Gottes zu festigen, griffen ihre Sekretäre (die "Wegbegleiter") massiv in die Überlieferung ein.
Besonders brisant ist dies im Hinblick auf die Antwortschreiben der Päpste. Die moderne Quellenkritik hat herausgefunden, dass von den insgesamt vier überlieferten Briefen, die angeblich von den Päpsten Eugen III., Anastasius IV., Hadrian IV. und Alexander III. an Hildegard gerichtet wurden, drei Schreiben eindeutig als Fälschungen gelten. Diese Fälschungen von Papstbriefen entstanden sehr wahrscheinlich noch zu Lebzeiten Hildegards und mit ihrem Wissen – oder wurden sogar von ihr selbst initiiert. Das Ziel dieser bewussten Manipulationen war es, das Briefbuch zu einem in sich geschlossenen theologischen Kompendium zu machen, den Rang ihrer Briefpartner zu erhöhen und Hildegard für die Nachwelt in die unangreifbare Position einer von den höchsten Kirchenfürsten absolut anerkannten Autorität zu heben.