Jutta von Sponheim (Magistra)

In den vorliegenden Quellen wird das Leben und Wirken von Hildegard von Bingen nicht als das einer isolierten Einzelkämpferin beschrieben, sondern als das Ergebnis eines hochgradig kollaborativen Netzwerks aus Begleitern, Sekretären und Vertrauten. In diesem größeren Kontext der "Wegbegleiter" nimmt Jutta von Sponheim als ihre erste Lehrmeisterin und Mentorin eine fundamentale Rolle ein.

Jutta von Sponheim: Die spirituelle und klösterliche Basis Jutta von Sponheim (ca. 1092–1136) war die Tochter des Grafen Stephan II. von Sponheim und stammte somit aus einem exzellent vernetzten Adelsgeschlecht. Im Alter von etwa acht Jahren wurde Hildegard als Oblatin in die Obhut der etwa sechs Jahre älteren Jutta gegeben. Am 1. November 1112 wurden die beiden Frauen auf dem Disibodenberg in einer Frauenklause eingeschlossen, die an das dortige Männerkloster der Benediktiner angegliedert war.

Jutta wird in den Quellen als eine kluge, gebildete Frau und mütterliche Freundin beschrieben, die die Rolle der ersten Magistra (Meisterin) der rasch wachsenden Frauengemeinschaft übernahm. Ihre Bedeutung als Wegbegleiterin Hildegards zeichnet sich durch folgende Aspekte aus:

- Grundlagenbildung und Musik: Jutta lehrte Hildegard das Lesen, das Schreiben und das Singen der Psalmen, wodurch sie das Fundament für Hildegards tiefgreifendes Verständnis der benediktinischen Liturgie legte. Sie war Hildegards einzige bekannte Musiklehrerin. - Praktisches Klosterleben: Unter Juttas Anleitung half Hildegard bei handwerklichen Tätigkeiten, der Gartenarbeit und der Krankenpflege, was als Grundlage für Hildegards spätere natur- und heilkundliche Schriften (Physica, Causae et Curae) angesehen werden kann. - Askese und Mystik: Jutta pflegte einen extrem strengen, asketischen Lebensstil, bei dem sie sich selbst geißelte und hungerte. Auch sie war eine bekannte Mystikerin und zog viele Pilger an, schrieb ihre Visionen jedoch im Gegensatz zu Hildegard nie nieder. (Ihr Leben wurde später von dem Mönch Volmar in der Vita Jutta festgehalten). - Grenzen der Lehre: Obwohl Jutta ihr das Lesen beibrachte, verfügte sie über keine tiefergehende theologische oder grammatikalische Bildung, weshalb sie Hildegard nicht in lateinischer Grammatik oder biblischer Exegese unterweisen konnte.

Als Jutta im Jahr 1136 starb, wurde die 38-jährige Hildegard einstimmig zu ihrer Nachfolgerin als Magistra gewählt. Hildegard lockerte daraufhin die von Jutta etablierten, extrem strengen asketischen Regeln, verkürzte die Gebetszeiten und erlaubte ihren Nonnen an Feiertagen sogar, ihr Haar offen zu tragen und seidene Schleier anzulegen.

Jutta im Kontext des weiteren "Wegbegleiter"-Netzwerks Während Jutta von Sponheim das klösterliche und spirituelle Fundament legte, benötigte Hildegard für die Umsetzung ihres enormen literarischen, theologischen und musikalischen Werks ab 1141 ein komplexes Netzwerk weiterer Wegbegleiter, das ihre Schwächen (wie mangelndes grammatikalisches Latein) ausglich und sie kirchenpolitisch unterstützte:

- Volmar von Disibodenberg: Er übernahm die intellektuelle Begleitung, die Jutta nicht leisten konnte. Volmar war Sekretär, Beichtvater und Propst auf dem Rupertsberg und übertrug Hildegards visionsbasierte Aufzeichnungen in fehlerfreies Latein, ohne den Sinn zu verändern. Er half ihr beim Verfassen des Scivias und war fast 60 Jahre lang ihr engster Vertrauter. Möglicherweise lehrte er sie auch die einfache Psalmennotation. - Richardis von Stade: Sie repräsentiert die emotionale und intellektuelle Unterstützung durch Mitschwestern. Als junge adlige Nonne war sie Hildegards engste Vertraute ("Lieblingsnonne") und assistierte intensiv bei der Abschrift des Scivias. Als Richardis das Kloster verlassen sollte, um Äbtissin in Bassum zu werden, kämpfte Hildegard mit hochemotionalen Briefen erbittert – aber letztlich erfolglos – um den Verbleib dieser wichtigsten Wegbegleiterin. - Spätere Sekretäre (Gottfried und Guibert): Nach Volmars Tod 1173 traten Männer wie Propst Gottfried und der flandrische Gelehrte Guibert von Gembloux in das Netzwerk ein. Sie vollendeten und redigierten ihre Briefsammlungen, schrieben ihre Vita und formten ihr Bild für die Nachwelt. - Kirchenpolitische Beschützer: Figuren wie Abt Bernhard von Clairvaux fungierten als mächtige Fürsprecher, die Hildegards Visionen legitimierten und sie vor dem Vorwurf der Häresie schützten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Jutta von Sponheim war die initiatorische Wegbegleiterin, die Hildegard in das klösterliche Leben einführte und sie das Beten und Singen lehrte. Um jedoch aus dem Schatten der Frauenklause herauszutreten und ihr beispielloses Schaffen als Prophetin, Komponistin und Theologin zu realisieren, griff Hildegard auf ein arbeitsteiliges, hochgradig kooperatives Netzwerk aus Schreibern (Volmar, Guibert) und vertrauten Mitschwestern (Richardis) zurück, das ihre Visionen schriftlich formte und in die Welt trug.


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