Guibert von Gembloux (letzter Sekretär)

Guibert von Gembloux (1124/25–1213) war ein hochgebildeter flämischer Mönch und Gelehrter, der in den letzten Lebensjahren Hildegards von Bingen die entscheidende Rolle des finalen Sekretärs in ihrem wegbegleitenden Netzwerk übernahm. Nach dem schmerzlichen Verlust ihres langjährigen Vertrauten Volmar im Jahr 1173 und dem frühen Tod ihres darauffolgenden Sekretärs Gottfried (1175/76) befand sich Hildegard in einer intellektuellen und redaktionellen Notlage, da sie auf klerikale Schreiber angewiesen war. In dieses Vakuum trat Guibert, der als großer Bewunderer ihrer Schriften bereits 1175 eine Briefkorrespondenz mit ihr begonnen hatte. Im Jahr 1177 reiste er schließlich auf den Rupertsberg und blieb dort bis kurz nach ihrem Tod im Jahr 1179 als ihr persönlicher Sekretär, bevor er 1180 in seine Heimat zurückkehrte und später Abt von Gembloux wurde.

Der literarische Feinschliff und die Stilisierung ihres Bildes Im Gegensatz zu ihrem ersten Sekretär Volmar, der Hildegards Texte vor allem grammatikalisch korrigierte, ohne in den Sinn einzugreifen, verfügte Guibert über eine exzellente, von klassischen lateinischen Autoren geprägte humanistische Bildung. **Guibert überarbeitete, glättete und redigierte ihre umfangreichen Briefsammlungen (\Liber epistolarum\) systematisch nach den Regeln der zeitgenössischen Rhetorik**. Gegen Ende ihres Lebens schien Hildegard ihm sogar etwas mehr redaktionellen Spielraum eingeräumt zu haben, wie etwa bei der von ihm formulierten Lebensbeschreibung des Heiligen Martin. Zudem war er maßgeblich an den 38 Fragen (Solutiones triginta octo quaestionum) beteiligt, einem theologischen Fragenkatalog, den er 1176 gemeinsam mit Mönchen des Klosters Villers an sie herangetragen und dessen Antworten sie diktiert hatte.

Durch seine tiefgreifende Textarbeit war Guibert von Gembloux entscheidend dafür verantwortlich, wie das theologische und prophetische Bild Hildegards für die Nachwelt geformt und überliefert wurde. Die Quellen weisen darauf hin, dass Hildegard diese literarische Stilisierung ihrer Briefe und ihres öffentlichen Bildes zumindest wusste und billigte, wenn nicht sogar ausdrücklich wollte, um ihr theoligsches Vermächtnis zu festigen.

Beitrag zur Biografie und zum Kloster Rupertsberg Darüber hinaus spielte Guibert eine wichtige Rolle bei der Dokumentation ihres Lebens. Er wurde gebeten, die von dem verstorbenen Propst Gottfried begonnene offizielle Lebensbeschreibung (Vita Sanctae Hildegardis) zu vollenden. Da er jedoch in sein Heimatkloster zurückkehren musste, hinterließ er das Projekt unvollendet; seine gesammelten Quellen und Aufzeichnungen nutzte später der Mönch Theoderich von Echternach, um die Vita endgültig abzuschließen. Guibert hinterließ zudem eindrucksvolle Schilderungen des Klosters Rupertsberg, in denen er voller Bewunderung festhielt, dass diese florierende, geräumige und geistlich hochstehende Anlage nicht von einem mächtigen Kaiser oder Bischof, sondern von einer "armen, zugezogenen, schwachen Frau" aus dem Nichts erschaffen worden sei.

Guibert im größeren Kontext der Wegbegleiter Im größeren Kontext des wegbegleitenden Netzwerks verkörpert Guibert von Gembloux die letzte, stark professionalisierte Phase von Hildegards literarischer Produktion. Während Jutta von Sponheim das klösterliche Fundament legte, Richardis von Stade intime emotionale Verbundenheit bot und Volmar von Disibodenberg die erste und längste schriftliche Fixierung der göttlichen Visionen ermöglichte, **sicherte Guibert von Gembloux als versierter Literat das monumentale Erbe Hildegards in ihrer Spätphase ab und verankerte ihren Status als \prophetissa teutonica\ in einer dogmatisch unangreifbaren Form dauerhaft für die Nachwelt**.


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