Der Briefwechsel zwischen Hildegard von Bingen und dem Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux in den Jahren 1146/47 markiert den entscheidenden Wendepunkt für die kirchenrechtliche Bestätigung ihrer Sehergabe und ist ein herausragendes Beispiel für die kirchenpolitische und theologische Funktion ihrer gesamten Korrespondenz.
Die Bitte um Bestätigung der Sehergabe Als Hildegard 1141 den göttlichen Befehl erhielt, ihre Visionen niederzuschreiben, plagten sie massive Selbstzweifel, Krankheiten und die Angst vor dem Urteil der Menschen. In dieser Notlage wandte sie sich um 1146/47 brieflich an Bernhard von Clairvaux, den damals einflussreichsten Kirchenmann Europas, um theologische Legitimation für ihre prophetischen Erfahrungen zu suchen. In ihrem emotionalen Schreiben beschrieb sie ihn ehrfürchtig als den „Adler, der in die Sonne blickt“, und bat ihn eindringlich um Rat, ob sie ihre Visionen veröffentlichen oder besser schweigen solle.
Bernhards Antwort und der Durchbruch in Trier Bernhards Antwortbrief fiel überraschend kurz, distanziert und ausweichend aus. Er gratulierte ihr zwar zu der Gnade Gottes, ermahnte sie jedoch nachdrücklich zur Demut, da „Gott den Hochmütigen widersteht“, und riet ihr im Wesentlichen, sich zurückzuhalten.
Dennoch leistete Bernhard kurz darauf die entscheidende kirchenpolitische Schützenhilfe: Auf der Trierer Synode (1147/48) legte er Hildegards unfertiges Visionswerk Scivias dem Papst Eugen III. – der sein eigener Schüler war – zur Begutachtung vor und setzte sich für sie ein. Der Papst verlas die Schriften vor den Kardinälen, erteilte ihr den päpstlichen Segen und ermutigte sie offiziell, alles vom Heiligen Geist Empfangene weiterhin niederzuschreiben. Dass Bernhard sich für sie verwendete, obwohl er prophetischen Visionen eher skeptisch gegenüberstand, lag an seinem erbitterten Kampf gegen die aufkommende rationalistische Theologie (wie die von Petrus Abaelard); Hildegards meditative, mystische Theologie diente ihm als willkommenes Bollwerk gegen diese scholastischen Wissenschaften.
Der Briefwechsel im größeren Kontext der Korrespondenz Im größeren Kontext von Hildegards rund 390 erhaltenen Briefen zeigt sich am Beispiel Bernhards von Clairvaux besonders deutlich, dass mittelalterliche Korrespondenz keine reine Privatsache war, sondern ein literarisches, öffentliches und diplomatisches Werkzeug.
Um Hildegards Vermächtnis als unantastbare Prophetin (prophetissa teutonica) für die Nachwelt zu sichern, wurden ihre Briefe von ihrem wegbegleitenden Netzwerk im klösterlichen Scriptorium systematisch überarbeitet und als theologisches Lehrbuch (Liber epistolarum) in den Rupertsberger Riesenkodex aufgenommen. Dabei kam es zu weitreichenden redaktionellen Manipulationen und Fälschungen:
- Aufwertung des Inhalts: Da Bernhards Antwortschreiben beschämend knapp und wenig enthusiastisch ausgefallen war, wurden ihm bei der späteren Redaktion im Rupertsberger Scriptorium lobende Sätze hinzugefügt, um Hildegards Autorität durch diesen mächtigen Fürsprecher zu untermauern. - Umkehrung der Hierarchie: Die Reihenfolge der Briefe wurde gezielt so abgeändert, dass es den Anschein erweckte, als habe Bernhard von Clairvaux zuerst den Kontakt zu der berühmten Seherin gesucht, und nicht umgekehrt. - Theologische Bereinigung: In den 1140er Jahren hatte Bernhard intensiv für den Zweiten Kreuzzug geworben, der jedoch 1149 katastrophal scheiterte. Um die theologische Unfehlbarkeit der Protagonisten nicht zu gefährden, wurden alle Bezüge und prophetischen Aufrufe zur Kreuzwerbung im Nachhinein systematisch aus den Briefregistern getilgt.
Zusammenfassend zeigt der Briefwechsel mit Bernhard von Clairvaux, wie existenziell wichtig die externe Bestätigung ihrer Sehergabe durch mächtige Zeitgenossen für Hildegards frühes Wirken war. Im größeren Rahmen ihrer Korrespondenz offenbart er jedoch auch, wie aktiv und manipulativ ihr Netzwerk später in diese Quellen eingriff, um sie als souveräne, von der höchsten Geistlichkeit uneingeschränkt bewunderte Autorität zu stilisieren.