Der Überfall auf das Elbe-Weser-Dreieck im Sommer 994 stellt den geographischen und militärischen Kern des verheerenden Wikingerüberfalls dar, der als größtes Trauma in die Geschichte der Udonen-Dynastie einging. Die Berichte der zeitgenössischen Chronisten Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen beschreiben eine groß angelegte, in zwei Flottenteile aufgespaltene Invasion skandinavischer „Schiffsmänner“ (pirati bzw. Ascomanni), die heute meist dem dänischen König Sven Gabelbart zugeschrieben wird.
Im größeren Kontext des Jahres 994 lässt sich der Überfall auf das Elbe-Weser-Dreieck in zwei getrennte militärische Operationen gliedern, die völlig unterschiedlich ausgingen:
1. Der Vorstoß in die Wesermündung und die Schlacht bei Glinstedt Ein Teil der gewaltigen Wikingerflotte drang zunächst in die Wesermündung ein und plünderte die Landstriche des östlichen Weserufers bis hinauf nach Lesum. Von dort aus versuchten diese Angreifer, über Land durch einen Pass im Teufelsmoor an die Elbe zu gelangen, um sich vermutlich mit dem Rest der Flotte zu vereinigen. Dieses Unterfangen scheiterte jedoch kläglich: Der sächsische Herzog Bernhard Billung stellte sich den Invasoren mit seinen Truppen bei dem Ort Glinstedt entgegen und rieb diesen Teil der Wikingerstreitmacht in einer Schlacht völlig auf.
2. Der Vorstoß in die Elbmündung und die Katastrophe auf der Schwinge Der andere, wohl deutlich größere Teil der Flotte wendete sich der Elbmündung zu. Diese Truppen verwüsteten zunächst die Küstenländer Wursten (Fresia) und Hadeln, bevor sie die Elbe flussaufwärts segelten.
Um diese massive Bedrohung abzuwenden, stellten sich die Grafen beiderseits der Elbe im königlichen Auftrag mit einem schnell zusammengestellten Aufgebot entgegen. Zu den Anführern gehörten der amtierende Stader Graf Heinrich II. der Gute sowie seine Brüder Siegfried II. und Lothar Udo I. (aus dem Haus der Udonen), unterstützt durch Graf Edelger. Am 23. Juni 994 kam es auf dem Fluss Schwinge (nahe Stade) zur entscheidenden Schlacht, in der das sächsische Aufgebot den Wikingern vernichtend unterlag.
Der größere Kontext und die Folgen für die Udonen Die Niederlage an der Schwinge führte direkt in die familiäre Katastrophe der Udonen, die den Wikingerüberfall von 994 so berühmt machte:
- Tod und Gefangenschaft: Graf Lothar Udo I. fiel im Kampf. Seine Brüder Heinrich und Siegfried sowie Graf Edelger wurden gefangen genommen und als Geiseln auf die in der Schwinge ankernden Wikingerschiffe verschleppt. - Erpressung und grausame Rache: Die Wikinger erpressten ein immenses Lösegeld aus Silber („ineffabile pecuniam“). Als Graf Siegfried durch eine List die Flucht von den Schiffen an das rettende Ufer gelang, rächten sich die betrogenen Wikinger grausam: Sie drangen in die Siedlung Stade ein und verstümmelten die verbliebenen Geiseln bestialisch, indem sie ihnen Nasen, Ohren und Hände abschnitten und sie in den Hafen warfen.
Zusammenfassend zeigt der Überfall auf das Elbe-Weser-Dreieck die massive maritime Bedrohung der sächsischen Gebiete im 10. Jahrhundert auf. Während Herzog Bernhard Billung an der Weser noch einen Sieg erringen konnte, markierte das Vordringen der Hauptflotte über die Elbe den blutigen Zusammenbruch der udonischen Verteidigung. Dieses Ereignis war der direkte Auslöser dafür, dass die Udonen in den Folgejahren ihren Hauptsitz vom landeinwärts gelegenen Harsefeld an die strategisch wichtigere Wasserstraße nach Stade verlegten, um die Elbgrenze künftig besser schützen zu können.