Heinrich I. „der Kahle“ († 976) gilt in der Geschichtswissenschaft als der eigentliche Stammvater und architektonische Begründer der Macht des Hauses der Udonen (der späteren Grafen von Stade). Obwohl die frühesten fassbaren Ahnen der Familie bis zu Graf Abbo (geb. um 810) und Lothar I. (gefallen 880) zurückreichen, war es Heinrich der Kahle, der die Dynastie im 10. Jahrhundert als führende Kraft in Norddeutschland etablierte.
Seine historische Bedeutung im größeren Kontext der Dynastie der Udonen stützt sich auf folgende zentrale Aspekte:
1. Die Prägung des Familiennamens "Udonen" Der prägende Leitname der Dynastie, „Udo“ (später oft erweitert zu Lothar-Udo oder Luder-Udo), stammte ursprünglich gar nicht aus dem sächsischen Raum. Heinrich der Kahle heiratete Judith (auch Jutta genannt), die Tochter des Grafen Udo I. aus der Wetterau und dem Rheingau. Durch diese Ehe floss der Name „Udo“ in die Familie ein und wurde zum bestimmenden dynastischen Merkmal der folgenden Generationen, von denen alle späteren Stader Udonen abstammen.
2. Königsnähe und ottonische Verwandtschaft Heinrich der Kahle verfügte über exzellente familiäre und politische Verbindungen zum ottonischen Königshaus. Der berühmte Chronist Thietmar von Merseburg – der ein leiblicher Enkel Heinrichs des Kahlen war – betonte ausdrücklich die enge Verwandtschaft seines Großvaters zu Kaiser Otto I. dem Großen. Ausdruck dieser besonderen Nähe war unter anderem die Tatsache, dass Heinrichs Tochter Hathui ein Patenkind Ottos des Großen war.
3. Politisches Gegengewicht zu den Billungern Der politische Aufstieg Heinrichs begann, als Kaiser Otto I. ihn gezielt als strategisches Instrument einsetzte. Nach dem Tod des Billungers Wichmann dem Älteren im Jahr 944 wurde Heinrich der Kahle als königlicher Legat mit weitreichenden Grafenrechten an der Unterelbe betraut. Er sollte dort die Grafschaften für die minderjährigen Söhne Wichmanns verwalten und gleichzeitig ein politisches Gegengewicht zu dem mächtigen Hermann Billung bilden. Obwohl Heinrich (dessen Schwester Oda vermutlich mit Hermann Billung verheiratet war) diesen anfangs unterstützte, agierte er als treuer Vasall des Kaisers: Als Hermann Billung im Jahr 971 während der Abwesenheit des Kaisers königsgleiche Privilegien für sich beanspruchte, floh Heinrich der Kahle nach Italien zu Otto I., um sich Vollmachten für eine Maßregelung Billungs ausstellen zu lassen.
4. Errichtung der Stammburg Harsefeld Um seine Herrschaft im Elbe-Weser-Raum abzusichern und zu konsolidieren, errichtete Heinrich der Kahle um 965/969 auf einem vormaligen sächsischen Königshof die Burg Harsefeld. Harsefeld wurde zum ersten festen Hauptsitz und administrativen Zentrum der Familie. Erst seine Enkel verlegten nach dem verheerenden Normannenüberfall (994) den Sitz der Familie weiter nach Norden auf die Burg Stade, womit der Wandel der Dynastie von einer binnenländischen Herrschaft zu den maritimen "Grafen von Stade" eingeleitet wurde.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Heinrich I. „der Kahle“ formte durch kluge Heiratspolitik, absolute Loyalität zum Kaiser und strategischen Burgenbau das Fundament, auf dem seine Nachkommen im 11. Jahrhundert in den Rang von Markgrafen und Reichsfürsten aufsteigen konnten.