Herkunft und Familie

Die Quellen bieten tiefe Einblicke in die Herkunft und Familie der Richardis von Stade. Ihre familiären Wurzeln vereinen zwei der einflussreichsten Adelsdynastien des Hochmittelalters: das sächsische Grafenhaus der Udonen(väterlicherseits) und die rheinisch-mitteldeutschen Sponheimer (mütterlicherseits). Diese Abstammung prägte nicht nur ihren Weg ins Kloster, sondern auch ihr tragisches Schicksal im Zentrum adliger Machtpolitik.

Hier sind die zentralen Aspekte zu Herkunft und Familie im Kontext der Udonen:

Die Vorfahren: Aufstieg der Udonen Die Udonen (auch Grafen von Stade genannt) gehörten zum sächsischen Hochadel. Ihre frühesten greifbaren Vorfahren reichen bis zu Graf Abbo (geb. um 810) zurück. Ein weiterer Vorfahr, Graf Lothar I., fiel im Jahr 880 in der Schlacht bei Ebstorf gegen das "Große Heidenheer" der Wikinger. Einen entscheidenden Aufstieg erlebte die Familie unter Graf Heinrich I. „dem Kahlen“ († 976), der eng mit dem ottonischen Kaiserhaus (Kaiser Otto I.) verwandt war und um 965/969 die Burg Harsefeld errichtete. Der prägende Familienname „Udonen“ etablierte sich durch eine Heirat: Heinrichs Gemahlin Judith (oder Jutta) stammte aus dem Rheinland und brachte den Leitnamen „Udo“ (von ihrem Vater Graf Udo I. in der Wetterau) in die Familie ein. Im 11. Jahrhundert stiegen die Udonen schließlich zu Markgrafen der Nordmark und damit zu Reichsfürsten auf.

Die Eltern der Richardis Richardis wurde um 1124 geboren. Ihre Eltern waren der udonische Markgraf Rudolf I. von der Nordmark († 1124) und Richgard (Richardis I.) von Sponheim († 1151). Besonders die mütterliche Linie war für Richardis’ Leben von entscheidender Bedeutung: Ihre Mutter Richgard war die Tochter des Magdeburger Burggrafen Hermann. Durch diese Sponheimer Herkunft war Richgard die leibliche Nichte von Jutta von Sponheim. Jutta war jene bekannte Klausnerin, die Hildegard von Bingen als Lehrmeisterin (Magistra) aufzog und das Nonnenkloster am Disibodenberg gründete. Diese enge familiäre Verflechtung war der Grund, warum die junge Richardis in die Obhut von Hildegard von Bingen gegeben wurde.

Die Geschwister und die dynastische Krise Richardis wuchs in einer Zeit auf, in der die weltliche Macht ihrer Familie zerfiel. Mit ihren Geschwistern war sie Teil der letzten Generation der Udonen:

- Udo V. (IV.) und Rudolf II. folgten dem Vater als Markgrafen der Nordmark nach. Beide starben eines gewaltsamen Todes: Udo fiel 1130, Rudolf II. wurde 1144 von aufständischen Bauern in Dithmarschen erschlagen. Damit erlosch der weltliche Mannesstamm der Udonen. - Hartwig I. war der letzte männliche Überlebende, hatte jedoch die geistliche Laufbahn eingeschlagen. Er wurde Erzbischof von Bremen (1148–1168) und überschrieb das Erbe der Udonen an die Bremer Kirche, was zu massiven Konflikten mit Herzog Heinrich dem Löwen führte. - Liutgard von Salzwedel, ihre Schwester, war durch Heiratspolitik zeitweise Königin von Dänemark und fiel 1152 (im selben Jahr wie Richardis' Tod) einem Mordanschlag zum Opfer.

Das Schicksal der Frauen als politisches Instrument Da der weltliche Einfluss der Udonen nach dem Tod der Brüder zusammenbrach, nutzten Hartwig I. und seine Mutter Richgard die weiblichen Familienmitglieder, um die schwindende Macht im norddeutschen Raum durch hochrangige Kirchenämter zu sichern. Aus diesem Grund erzwang die Familie 1151, dass Richardis das Kloster Rupertsberg verlassen musste, um die Würde der Äbtissin von Bassum anzunehmen. Hildegard von Bingen leistete verzweifelten Widerstand, da sie dies als rein politisches und unheiliges Kalkül (Ämterkauf) der Sponheimer und Udonen ansah. Parallel zu Richardis wurde auch deren Nichte Adelheid von Sommerschenburg (die Tochter ihrer Schwester Liutgard) als Fürstäbtissin der mächtigen Stifte Gandersheim und Quedlinburg installiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Abstammung der Richardis von Stade war ein zweischneidiges Schwert. Mütterlicherseits ebneten ihr die Sponheimer den Weg zu Hildegard von Bingen und zu einer herausragenden intellektuellen Bildung. Väterlicherseits machte sie die Zugehörigkeit zum hochadeligen Udonen-Geschlecht jedoch zur Spielfigur in der strategischen Netzwerkpolitik ihres Bruders, was zu der schmerzhaften Trennung von Hildegard und ihrem frühen Tod in Bassum (1152) führte.


↑ Zum Anfang