Siegfried II. (Geisel)

Siegfried II. von Stade spielte beim verheerenden Wikingerüberfall von 994 eine zentrale und für die Udonen-Dynastie überaus tragische Rolle. Sein Schicksal als Geisel und seine anschließende listige Flucht markieren den dramatischen Höhepunkt dieses historischen Konflikts und lösten das Trauma aus, das die Familie nachhaltig prägte.

Im größeren Kontext des Wikingerüberfalls zeichnen die Quellen folgendes Bild von Siegfrieds Erlebnissen:

Die Schlacht und Gefangennahme Am 23. Juni 994 stellte sich Siegfried II. gemeinsam mit seinen gräflichen Brüdern Heinrich II. (dem Guten) und Lothar Udo I. sowie dem Grafen Edelger der skandinavischen Wikingerflotte auf dem Fluss Schwinge vor Stade entgegen. Die sächsischen Verteidiger erlitten eine katastrophale Niederlage. Während sein Bruder Lothar Udo I. im Kampf fiel, wurden Siegfried, Heinrich und Edelger gefangen genommen und als Geiseln auf die in der Schwinge ankernden Wikingerschiffe verschleppt.

Siegfried als verbleibende Geisel Um das gewaltige, von den Wikingern geforderte Lösegeld aus Silber aufzutreiben, wurden Heinrich und Edelger freigelassen. Graf Siegfried II. hingegen, der selbst kinderlos war, musste als Pfand in der Haft der Wikinger verbleiben. Die dänischen Entführer behandelten ihn offenbar zunächst ehrenhaft. Es wurde vereinbart, ihn gegen hochrangige Verwandte – konkret gegen seinen jungen Neffen, den späteren Chronisten Thietmar von Merseburg – auszutauschen, um Zeit für die Beschaffung der Restsumme des Lösegelds zu gewinnen. Thietmar selbst ging damals davon aus, als Geisel sterben zu müssen, und behielt unter seinem weltlichen Gewand sein klerikales an.

Die listige Flucht Noch bevor der junge Thietmar bei den Wikingern eintraf, gelang Siegfried eine spektakuläre Flucht. Am Tag der geplanten Übergabe ließ er Wein beschaffen und machte seine dänischen Wächter bei einem Gelage betrunken. Im Morgengrauen ging er unter dem Vorwand, sich waschen zu wollen, auf das Vorschiff und sprang in ein dort bereitgehaltenes Beiboot. Obwohl die aufgeschreckten Wikinger sofort die Verfolgung aufnahmen, erreichte Siegfried das rettende Ufer, wo er wie verabredet bereitstehende Pferde vorfand. Im Galopp floh er erfolgreich zu seiner Stammburg nach Harsefeld.

Die grausame Rache der Wikinger Siegfrieds rettende Flucht hatte für die verbliebenen Geiseln katastrophale Konsequenzen. Die betrogenen und wütenden Wikinger drangen in die nahegelegene Siedlung Stade ein und suchten den Grafen bis in die entlegensten Winkel. Als sie ihn nicht fanden, raubten sie den ortsansässigen Frauen den Schmuck und übten am nächsten Tag eine bestialische Rache an den Geiseln. Sie schnitten den verbliebenen Gefangenen – darunter einem Priester, einem Vetter Thietmars sowie Siegfrieds eigenem Neffen (dem Sohn seines Bruders Heinrich) – Nasen, Ohren und Hände ab und warfen die Schwerverstümmelten in den Stader Hafen. Siegfrieds Neffe wurde bei dieser Racheaktion getötet.

Folgen für die Dynastie Siegfrieds Flucht und das daraus resultierende Geiseldrama brannten sich tief in das familiäre Gedächtnis der Udonen ein. Um spirituelle Sühne zu leisten und den Verlust der Familienangehörigen zu verarbeiten, gründete sein Bruder Heinrich II. wenig später das Kollegiatstift Harsefeld. Zudem erkannten die Udonen durch dieses Ereignis, dass ihre Burg im Landesinneren (Harsefeld) keinen ausreichenden Schutz bot, was dazu führte, dass sie ihren Hauptsitz kurz darauf an die strategisch wichtigere Wasserstraße nach Stade verlegten.


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