Liutgard (oft auch Luitgard oder Lutgard) von Salzwedel war die ältere Schwester der Richardis von Stade und eine zentrale, wenn auch überaus tragische Figur im strategischen Überlebenskampf der udonischen Kernfamilie. Ihr Leben spiegelt die intensive, aber letztlich scheiternde Heiratspolitik und den dramatischen Niedergang der Dynastie im 12. Jahrhundert wider.
Im Kontext der Kernfamilie lassen sich aus den Quellen folgende prägende Lebensstationen und Verflechtungen ablesen:
Die Ehen als politisches Instrument Liutgard wurde als Tochter von Markgraf Rudolf I. und Richgard von Sponheim geboren und im Rahmen der familiären Netzwerkpolitik gleich dreimal verheiratet:
- 1. Ehe mit Friedrich II. von Sommerschenburg: In erster Ehe wurde sie mit ihrem Onkel, dem sächsischen Pfalzgrafen Friedrich II., vermählt, mit dem sie vier Kinder hatte. Diese Ehe wurde jedoch bis 1142 annulliert, da eine zu enge Blutsverwandtschaft ("prohibited degree of relation") bestand. - 2. Ehe und Aufstieg zur dänischen Königin: Um neue Allianzen zu schmieden, arrangierte ihr ehrgeiziger Bruder Hartwig I. (damals Dompropst in Bremen) in den Jahren 1143/1144 ihre zweite Heirat mit König Erik III. Lam von Dänemark. Dadurch stieg Liutgard zur Königin von Dänemark auf (Regierungszeit 1144–1146). Diese Episode endete jedoch in einem Skandal: Liutgard wurde vorgeworfen, einen verschwenderischen Einfluss auf den König auszuüben und promiskuitiv zu leben. Nach Anschuldigungen des Ehebruchs trennte sie sich von Erik und wurde ins Heilige Römische Reich verbannt. - 3. Ehe mit Hermann II. von Winzenburg: Als zweifache Witwe (König Erik starb 1146) heiratete sie 1148 den Witwer Graf Hermann II. von Winzenburg, mit dem sie drei weitere Töchter bekam.
Enterbung und kirchenpolitische Kompensation Nach dem Tod ihres Vaters und ihrer älteren Brüder Udo IV. und Rudolf II. (der 1144 fiel), ruhten die weltlichen Erbansprüche auf der Grafschaft Stade eigentlich auf Liutgard und ihren Kindern, da der einzige verbliebene männliche Udone, ihr Bruder Hartwig, kinderlos und Kleriker war. Hartwig überging und enterbte die Kinder Liutgards jedoch bewusst, als er 1148 die Grafschaft Stade dem Erzbistum Bremen überschrieb, um im Gegenzug seine Wahl zum Erzbischof durchzusetzen.
Da der weltliche Einfluss der Familie schwand, banden Erzbischof Hartwig und Mutter Richgard Liutgards Nachkommen stattdessen in ihre neue kirchenpolitische Strategie ein: Liutgards Tochter aus erster Ehe, Adelheid von Sommerschenburg, wurde als Fürstäbtissin der mächtigen Klöster Gandersheim und Quedlinburg installiert. Diese Einsetzung erfolgte fast zeitgleich mit der Ernennung von Liutgards Schwester Richardis zur Äbtissin von Bassum – ein strategischer Ämterkauf, gegen den Hildegard von Bingen verzweifelt protestierte. Liutgards dritter Ehemann, Graf Hermann II., soll sogar massiv Druck auf die Versetzung der jungen Richardis ausgeübt haben.
Das grausame Ende Das Leben der Liutgard endete in einem brutalen Mord. In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 1152 drangen Ministerialen, die mutmaßlich von Bischof Bernhard von Hildesheim angestiftet worden waren, in die Winzenburg ein und ermordeten den Grafen Hermann II. sowie die hochschwangere Liutgard. Die Täter raubten zudem den gewaltigen Familienschatz in Höhe von 6.000 Pfund Silber.
Im Kontext der Kernfamilie verdeutlicht das Schicksal Liutgards die existenzielle Krise der Udonen: Das Jahr 1152 wurde zum absoluten Katastrophenjahr der Dynastie. Nur wenige Monate nach dem grausamen Mord an der schwangeren Liutgard verstarb im Oktober 1152 auch ihre Schwester Richardis fernab von Hildegard von Bingen in Bassum, was das unaufhaltsame Ende der einstigen Reichsfürstenfamilie besiegelte.