Kloster Disibodenberg

Das Kloster Disibodenberg bildete den entscheidenden Ausgangspunkt und die zentrale prägende Station für die monastische Laufbahn sowohl der Hildegard von Bingen als auch der Richardis von Stade. An diesem Ort entfaltete sich ihre gemeinsame intellektuelle Arbeit, aber auch der emanzipatorische Kampf um ein unabhängiges klösterliches Leben.

Eintritt und Prägung unter Jutta von Sponheim Die Geschichte des Frauenkonvents auf dem Disibodenberg begann, als die junge Hildegard von Bingen im Jahr 1112 in die dortige Benediktinerklause eingeschlossen und der Erziehung durch die Klausnerin Jutta von Sponheim anvertraut wurde. Nach dem Tod Juttas im Jahr 1136 wurde Hildegard zur Magistra (Vorsteherin) der inzwischen deutlich angewachsenen Frauengemeinschaft gewählt.

Aufgrund direkter familiärer Bindungen – ihre Mutter (die udonische Markgräfin Richgard) war die leibliche Nichte der Jutta von Sponheim – wurde auch die junge Richardis von Stade in genau diese Gemeinschaft auf dem Disibodenberg gegeben. Hier begann in den 1140er Jahren der steile Aufstieg der Richardis zur engsten Vertrauten, Sekretärin und wichtigsten Stütze Hildegards, insbesondere bei der Niederschrift und Redaktion von Hildegards theologischem Erstlingswerk Scivias. Der Konvent auf dem Disibodenberg zog durch Hildegards wachsenden Ruhm immer mehr Pilger und Töchter des lokalen Adels an.

Konflikte mit dem Männerkloster und dem Abt Die klösterliche Laufbahn der Frauen auf dem Disibodenberg war jedoch von massiven Spannungen mit den dortigen Benediktinermönchen geprägt. Hildegard strebte danach, ihre Gemeinschaft der Umklammerung durch das Männerkloster zu entziehen. Es kam mehrfach zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Abt Kuno, unter anderem deshalb, weil Hildegard die radikale Askese mäßigte und die extrem langen Gottesdienst- und Fastenzeiten für ihre Nonnen lockerte.

Der Konflikt eskalierte, als Hildegard eine Vision verkündete, die sie anwies, den Disibodenberg zu verlassen und ein völlig eigenständiges, auf die Bedürfnisse der Frauen zugeschnittenes Kloster auf dem Rupertsberg zu gründen. Der Abt Kuno und die Mönche leisteten vehementen Widerstand, da sie die lukrativen Ländereien und Pfründe (Mitgiften), welche die adeligen Nonnen in das Kloster Disibodenberg eingebracht hatten, nicht verlieren wollten.

Die Loslösung und der Auszug Um den Widerstand des Abtes zu brechen, nutzte Hildegard zwei Mittel: Einerseits legte sie sich stumm und reglos in ein Krankenbett, um den göttlichen Willen zu untermauern, andererseits mobilisierte sie ihr einflussreiches weltliches Netzwerk. Hierbei spielte die Familie der Richardis eine Schlüsselrolle: Die Markgräfin Richgard von Sponheim (Richardis' Mutter) und der Mainzer Erzbischof Heinrich setzten ihre politische Macht ein, um den Frauen die Loslösung vom Disibodenberg zu ermöglichen.

Daraufhin verließen Hildegard, Richardis und etwa zwanzig weitere Nonnen gegen den Willen des Disibodenberger Konvents um das Jahr 1147/1150 den Ort und bezogen das neue Kloster auf dem Rupertsberg. Selbst nach dem Auszug rissen die Streitigkeiten nicht ab; noch um 1155 kämpfte Hildegard mit dem Disibodenberg um die endgültige Freigabe der Ländereien und Mitgiften, die ihre Mitschwestern einst in die Klause eingebracht hatten.

Im Kontext der monastischen Laufbahn markiert das Kloster Disibodenberg somit die Phase der geistlichen Ausbildung und intellektuellen Blüte der Richardis von Stade, ist aber zugleich der Schauplatz eines großen kirchenpolitischen Kampfes, durch den sich die Frauen mit familiärer Hilfe der Udonen/Sponheimer aus der klösterlichen Bevormundung der Mönche befreiten.


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