Monastische Laufbahn

Die monastische Laufbahn der Richardis von Stade (* um 1124; † 29. Oktober 1152) steht im absoluten Zentrum ihres Lebens und Wirkens. Ihr Weg als Nonne und spätere Äbtissin spiegelt auf dramatische Weise den Spannungsbogen zwischen tiefer spiritueller und intellektueller Entfaltung an der Seite Hildegards von Bingen und der eiskalten, herrschaftssichernden Kirchenpolitik der untergehenden Udonen-Dynastie wider.

Eintritt ins Kloster und Prägung Als Tochter des Markgrafen Rudolf I. von Stade und der Richgard von Sponheim wurde Richardis schon in sehr jungen Jahren in das klösterliche Leben eingeführt. Da ihre Mutter die leibliche Nichte der Klausnerin Jutta von Sponheim war, übergab die Familie das Mädchen als Oblatin an das Benediktinerkloster Disibodenberg, wo Jutta gemeinsam mit der jungen Hildegard von Bingen eine Frauenklause leitete. Unter dieser klösterlichen Erziehung wuchs Richardis heran und wurde nach Juttas Tod (1136) Teil des von Hildegard geführten Konvents.

Intellektuelles Wirken an der Seite Hildegards von Bingen Ihre bedeutendste monastische und intellektuelle Lebensphase verbrachte Richardis ab den 1140er Jahren als Lieblingsnonne, engste Vertraute und persönliche Sekretärin Hildegards von Bingen. Ihr Wirken war für Hildegards Schaffen von entscheidender Bedeutung: Richardis war maßgeblich an der redaktionellen Bearbeitung, Übersetzung und Zusammenstellung von Hildegards theologischem Erstlingswerk Scivias beteiligt.

Die herausragende Stellung von Richardis im monastischen Skriptorium wird dadurch unterstrichen, dass sie in der berühmten Miniatur des sogenannten Lucca-Kodex (Liber divinorum operum) physisch an der Seite der visionierenden Hildegard und des Mönchs Volmar abgebildet ist. Zwischen den beiden Frauen bestand eine außergewöhnlich tiefe emotionale Bindung, die Hildegard später als eine vom „Lebendigen Licht“ befohlene „göttliche Liebe“ beschrieb. Dank der massiven familiären Unterstützung durch Richardis' Mutter gelang Hildegard um 1148/1150 die Loslösung vom Disibodenberg und die Gründung eines eigenständigen Frauenklosters auf dem Rupertsberg, wohin Richardis mit ihr übersiedelte.

Der Wendepunkt: Ernennung zur Äbtissin von Bassum Die klösterliche Laufbahn der Richardis erfuhr im Jahr 1151 einen dramatischen Bruch, der tief in der Krise ihrer Familie verwurzelt war. Da der weltliche Mannesstamm der Udonen mit dem Tod ihres Bruders Rudolf II. im Jahr 1144 erloschen war, mussten ihr ehrgeiziger Bruder, Erzbischof Hartwig I. von Bremen, und ihre Mutter den schwindenden familiären Einfluss durch die strategische Besetzung hochrangiger Kirchenämter retten. Als Instrument dieser kirchenpolitischen Allianz wurde Richardis zur Äbtissin des bedeutenden Kanonissenstifts Bassum gewählt. Mutmaßlich übte auch ihr Schwager, der Graf Hermann II. von Winzenburg, massiven Druck auf diese Ernennung aus.

Hildegard von Bingen wehrte sich verzweifelt und voller Schmerz gegen den Weggang ihrer engsten Mitarbeiterin. Sie warf der Familie der Udonen Simonie (Ämterkauf) vor und wandte sich mit scharfen Beschwerdebriefen an Richardis' Mutter, den Erzbischof von Mainz und den Papst. Sie verurteilte die Versetzung und schrieb der Markgräfin Richgard, diese Abtswürde sei „sicherlich, sicherlich, sicherlich nicht der Wille Gottes“. Dennoch beugte sich Richardis letztlich den Anweisungen der kirchlichen Autoritäten und dem Druck ihrer Familie und trat das neue Amt in Bassum an.

Früher Tod und Vermächtnis Das eigenständige Wirken der Richardis als Äbtissin währte jedoch nur extrem kurz. Bereits am 29. Oktober 1152, nach nur einjähriger Amtszeit, verstarb sie fernab vom Rupertsberg. Auf dem Sterbebett soll sie weinend den tiefen Wunsch geäußert haben, zu Hildegard zurückzukehren.

Ihr Bruder Hartwig überbrachte Hildegard die Todesnachricht in einem schmerzerfüllten Brief und bat um Vergebung für die erzwungene Trennung. In ihrer Antwort legte Hildegard ihren Zorn ab und verfasste einen tief bewegenden Nachruf auf ihre ehemalige Schülerin. Sie pries Richardis als wunderschöne Blüte und drückte ihre theologische Überzeugung aus, dass Gott sie so früh aus der Welt genommen habe, um ihre Seele vor der Eitelkeit und der weltlichen Versuchung ihres neuen Amtes zu bewahren.

Im größeren Kontext der Udonen veranschaulicht Richardis' Laufbahn das tragische Einzelschicksal einer intellektuell und spirituell begabten Frau, deren klösterlicher Weg am Ende dem machthungrigen, aber letztlich erfolglosen Überlebenskampf ihrer Adelsfamilie untergeordnet wurde.


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