Abwehrschlacht als Kreuzzug-Vorläufer

Obwohl der Begriff „Kreuzzug“ für die Konflikte des lateinischen Westens mit skandinavischen Plünderern (Wikinger/Normannen) im 10. Jahrhundert aus moderner geschichtswissenschaftlicher Sicht anachronistisch ist, weisen diese frühen Abwehrkämpfe signifikante theologische und memoriale Elemente auf, die sie zu ideologischen Vorläufern und Nährböden der späteren hochmittelalterlichen Kreuzzugsbewegung machen. Im größeren Kontext der sogenannten sakralen Grenzsicherung vollzog sich dabei eine bemerkenswerte ideologische Entwicklung:

Stilisierung der Verteidiger zu Märtyrern Die Verteidigung der sächsischen Elbgrenze gegen die heidnischen Invasoren wurde von zeitgenössischen Chronisten nicht nur als militärische Notwendigkeit, sondern als heilige Pflicht zur Bewahrung des christlichen Bodens begriffen. Adlige, die in diesen brutalen Abwehrschlachten fielen – wie etwa der udonische Graf Lothar Udo I. beim verheerenden Wikingerüberfall von 994 –, wurden in der Überlieferung geradezu als Märtyrer Christi stilisiert.

Sühne, Klöster und militärischer Grenzschutz Das kriegerische Trauma dieser verlorenen Abwehrschlachten wirkte als direkter Katalysator für eine tiefgreifende Sakralisierung der Herrschaftspraxis. Um den Verlust der Gefallenen spirituell zu verarbeiten und zugleich Sühne für Gewalttaten innerhalb der eigenen Familie zu leisten, verknüpften Familien wie die Udonen den physischen Grenzschutz systematisch mit der Errichtung sakraler Memorialorte. So gründete Graf Heinrich II. der Gute als Reaktion auf die Ereignisse von 994 um das Jahr 1010 das Kollegiatstift Harsefeld. Diese enge institutionelle Verschmelzung von religiöser Sühneleistung, klösterlichen Gründungen und militärischer Grenzsicherung legte das geistige und administrative Fundament für die Kreuzzugsbewegung der nachfolgenden Generationen.

Vom defensiven Trauma zum expansiven Glaubenskrieg Im 12. Jahrhundert wandelte sich dieses Konzept fundamental: Die einst defensiven Abwehrschlachten gegen die dänischen „Normannen“ wurden in ein offensives Konzept des Glaubenskrieges gegen die benachbarten Elbslawen (Wenden) transformiert. Der Wendenkreuzzug von 1147, an dem die Nachkommen der Udonen maßgeblich beteiligt waren, basierte auf exakt derselben ideologischen Prämisse der sakralen Grenzsicherung, die ihre Vorfahren im reinen Abwehrkampf an der Unterelbe entwickelt hatten.

Wie nahtlos der Übergang von der Abwehrideologie zur Kreuzzugsrhetorik verlief, zeigt sich bereits im ersten Konzept eines Wendenkreuzzuges aus den Jahren 1107/1108. Dort wurde der geplante Angriffskrieg in den slawischen Raum rhetorisch noch immer als Verteidigungskrieg des christlichen Landes legitimiert. Die Kreuzfahrer deklarierten das slawische Gebiet östlich der Elbe zu einem "zweiten Jerusalem", von dem es hieß: „Denn dies ist unser Jerusalem, das anfangs frei war und durch die Grausamkeit der Heiden zur Magd erniedrigt wurde!“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die sakrale Grenzsicherung im 10. Jahrhundert als traumatisierter, defensiver Abwehrkampf begann, der jedoch durch seine theologische Aufladung und monastische Flankierung das perfekte ideologische Instrumentarium lieferte, um im 12. Jahrhundert als "Kreuzzug" aggressive territoriale Expansionskriege zu rechtfertigen.


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