Im größeren historischen und architektonischen Kontext der Bauphasen und der Zerstörung des Klosters Rupertsberg markiert das 18. Jahrhundert eine bemerkenswerte Zwischenphase. Nach der verheerenden Brandschatzung durch die Schweden im Jahr 1632 lag die Anlage zwar in Trümmern und diente systematisch als Steinbruch für Wirtschaftsbauten, doch sie wurde architektonisch nicht gänzlich aufgegeben. Die Quellen dokumentieren für das 18. Jahrhundert spezifische Um- und Neubauten in den Ruinen, die den Versuch einer geistlichen Wiederbelebung sowie eine anhaltende weinwirtschaftliche Nutzung bezeugen.
Die Marienkapelle (1729): Der Versuch einer spirituellen Wiederbelebung In der Hoffnung, die einstigen Wallfahrten zum Rupertsberg wiederzubeleben, wurde im Jahr 1729 eine Marienkapelle in die Ruine der ehemaligen Klosterkirche eingebaut.
- Bauliche Integration: Dieses Oratorium wurde notdürftig in den vier westlichen Jochen des südlichen Seitenschiffs der romanischen Basilika eingerichtet. Dabei nutzte man den dort noch aufrechtstehenden Westgiebel des südlichen Seitenschiffs als baulichen Abschluss. - Bildliche Überlieferung: Auf einem Aquarell von J. A. Ackermann (um 1790) ist die Kapelle gut zu erkennen; sie wies ein fachwerkartiges oberes Giebeldreieck auf, das aus dem nach 1632 erneuerten Dachwerk des Oratoriums gebildet wurde. Auf dem späteren Herterschen Grundstücksplan von 1819 ist der Bau zudem mit einer eigenen Außentreppe verzeichnet. - Aufgabe: Die Bemühungen um eine Rückkehr der Pilger blieben vergeblich. Die Kapelle wurde im 19. Jahrhundert (vermutlich in der Zeit nach 1839 im Zuge der neuen Planungen für das Gelände) wieder aufgegeben und musste schließlich dem Bau des Herterschen Gasthofes weichen, der sie fast vollständig überformte.
Der barocke Kellerneubau: Die weinwirtschaftliche Nutzung Neben der Marienkapelle kam es im 18. Jahrhundert auch zu profane Baumaßnahmen im Untergrund des Klosterareals, da der Rupertsberg nach seiner Zerstörung als landwirtschaftliches Klostergut der Eibinger Gründung weitergeführt wurde.
- Korrektur eines historischen Irrtums: Auf dem Gelände existiert ein unterirdisches Weingewölbe, das in der Forschung und von Hildegard-Verehrern lange Zeit fälschlicherweise als authentischer, mittelalterlicher Klosterkeller aus der Gründungszeit gedeutet wurde. - Bauhistorischer Befund: Bauhistorische Untersuchungen der Kunsthistorikerin Tina Schöbel im Jahr 2016 ergaben jedoch zweifelsfrei, dass es sich bei diesem Keller nicht um ein Relikt Hildegards handelt, sondern um einen barocken Neubau aus dem 18. Jahrhundert. Dies belegt, dass selbst in der Ruinenzeit aufwendige Gewölbe für die weinwirtschaftlichen Bedürfnisse des Guts neu angelegt wurden.
Einordnung in den Gesamtkontext von Bauphasen & Zerstörung Sowohl die Marienkapelle als auch der barocke Weinkeller repräsentieren eine Epoche des pragmatischen Überdauerns. Sie stehen für eine Phase, in der man sich mit dem Verlust der intakten Monumentalarchitektur (1147–1152) abgefunden hatte und die noch stehenden Ruinenmauern punktuell für neue Zwecke adaptierte. Diese "Nachnutzungsphase" endete jedoch in der totalen Zerstörung des 19. Jahrhunderts: Durch die Säkularisation ab 1803 geriet das Areal in Privathand, und die baulichen Überreste der Kirche – mitsamt der Marienkapelle – wurden durch den rücksichtslosen Bau von Gasthofkellern (1851) und schließlich durch die verheerenden Felssprengungen für die Nahetal-Eisenbahn (1857/1858) endgültig und unwiederbringlich ausgelöscht.