Im größeren architektonischen Kontext der Bauphasen und der späteren Zerstörung stellt die Gotisierung im späten 15. Jahrhundert eine bedeutende, aber strukturell behutsame architektonische Überformung der ursprünglich romanischen Klosterkirche auf dem Rupertsberg dar.
Die „Gotisierung“ der Apsisfenster Die Klosterkirche wurde in ihrer ersten Bauphase (1147–1152) als romanische Pfeilerbasilika mit charakteristischen Rundbogenfenstern errichtet. Für das späte 15. Jahrhundert lässt sich jedoch eine bauliche Modernisierung – eine Gotisierung – nachweisen, die in den Quellen besonders anschaulich an den Fenstern der Apsis diskutiert wird.
Ein wertvoller Beleg hierfür ist ein Aquarell von J. A. Ackermann aus der Zeit um 1790. Auf dieser Ansicht der ruinösen Apsis sind die ursprünglich romanischen Fenster explizit als Spitzbogenfenster (Spitzbögen) dargestellt. Bei der architektonischen Rekonstruktion fällt auf, dass die Scheitel dieser Spitzbögen auffällig dicht unter den darüberliegenden romanischen Rundbogenfriesen saßen. Daraus schließt die Forschung, dass man die Kirche nicht von Grund auf neu baute, sondern den alten Rundbogenfenstern nachträglich lediglich einen Spitzbogen „aufsetzte“.
Diese Methode stellte den geringstmöglichen baulichen Aufwand einer Gotisierung dar: Der romanische Bestand wurde moderat umgeformt und dem neuen gotischen Stil angepasst, ohne dass ganze Bauglieder ausgetauscht werden mussten – vergleichbar mit der späteren Barockisierung mancher Landkirchen.
Historischer Kontext der späten Bauphase Diese Umbaumaßnahmen fanden höchstwahrscheinlich im späten 15. Jahrhundert statt und standen in direktem Zusammenhang mit der starken Wiederbelebung der Hildegard-Verehrung. Mainzer Kleriker, allen voran Bernhard von Breidenbach und Wolf von Bicken, ließen in den Jahren 1489 und 1498 das Grab Hildegards öffnen und ihre Gebeine in einer neuen Gruft im Zentrum des Chores beisetzen. In Analogie zu den umgeformten Spitzbogenfenstern der Apsis stifteten sie in dieser Bauphase auch das noch heute in einem Wohnhaus erhaltene spätgotische Chorschrankenportal, das einen romanischen Vorgängerbau ersetzte.
Das Ende durch Zerstörung Die gotisierten Elemente der Kirche teilten schließlich das tragische Schicksal der gesamten Anlage. Während des Dreißigjährigen Krieges brannte das Kloster 1632 durch schwedische Truppen aus. Die Kirchenruine mit ihrer gotisierten Apsis überdauerte jedoch als weithin sichtbares Monument noch Generationen, weshalb Ackermann die Spitzbogenfenster um 1790 überhaupt noch zeichnen konnte.
Die endgültige und restlose Vernichtung dieser Bauwerke erfolgte erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts: In den Jahren 1857 und 1858 wurde der Felssporn für die Trasse der Nahetal-Eisenbahn rigoros weggesprengt. Dieser Infrastrukturmaßnahme fielen der gesamte Chor und die Apsis samt ihren nachträglich gotisierten Spitzbogenfenstern unwiederbringlich zum Opfer.