Wohnsitze Bermersheim und Niederhosenbach

Wo die Familie Hildegards von Bingen ihren Wohnsitz hatte und an welchem Ort Hildegard geboren wurde, lässt sich anhand der überlieferten Quellen nicht eindeutig bestimmen. Deshalb werden in der historischen Forschung vor allem zwei Orte diskutiert: Bermersheim und Niederhosenbach. Die unterschiedlichen Deutungen stehen zugleich im Zusammenhang mit der Frage nach der sozialen und territorialen Einordnung der Familie innerhalb des niederen Adels.

Die beiden Lokalisierungshypothesen

- Bermersheim vor der Höhe (bei Alzey): Die ältere Forschung und die regionale Überlieferung betrachten Bermersheim häufig als Herkunftsort der Familie und vielfach auch als Geburtsort Hildegards. Grundlage dieser Annahme ist unter anderem eine Urkunde aus dem Jahr 1126, in der ihr Vater als Hildebertus de Vermerssheym genannt wird. Daraus entwickelte sich die Vermutung, Hildegard sei dort geboren und in der örtlichen Kirche getauft worden. - Niederhosenbach (bei Kirn): Neuere Untersuchungen, insbesondere die Arbeiten des Genealogen Josef Heinzelmann, sprechen dagegen eher für Niederhosenbach als Wohnsitz der Familie zur Zeit von Hildegards Geburt. Als wichtige Indizien gelten eine Urkunde von 1112 mit der Nennung Hildebrecht de Hosenbach sowie die Rekonstruktion der Besitzverhältnisse der Familie im Nahegebiet. Nach dieser Interpretation erscheint Bermersheim als Geburtsort weniger wahrscheinlich, da dort um 1098 vermutlich kein adliger Sitz mehr bestand. Frühere Vermutungen, die Burg Böckelheim als Geburtsort anzusehen, werden heute überwiegend nicht mehr vertreten.

Die Besitzverhältnisse des niederen Adels Dass Hildegards Vater in verschiedenen Urkunden mit unterschiedlichen Herkunftsbezeichnungen erscheint, entspricht den Besitz- und Lebensverhältnissen vieler Familien des niederen Adels. Sie verfügten häufig nicht über einen einzigen geschlossenen Herrschaftssitz, sondern über Besitzungen an mehreren Orten. Dazu gehörten freies Eigenland, Lehen und Vogteirechte, die sich über verschiedene Regionen verteilten.

Die wechselnden Ortsbezeichnungen lassen daher auf eine Familie schließen, deren wirtschaftliche Grundlage aus mehreren Besitzkomplexen bestand. Diese Struktur war für den ritterlichen Adel des Hochmittelalters keineswegs ungewöhnlich. Gleichzeitig erklärt sie, weshalb wirtschaftliche Sicherungsmaßnahmen – etwa die Unterbringung einzelner Kinder in Klöstern – für viele Adelsfamilien von erheblicher Bedeutung waren. Auf diese Weise ließ sich eine weitere Zersplitterung des Familienvermögens begrenzen und zugleich die Verbindung zu kirchlichen Einrichtungen festigen.


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