Systematischer Steinbruch

Die Nutzung der Anlage als systematischer Steinbruch stellt den absoluten Tiefpunkt im größeren historischen Kontext des Niedergangs und der Ruinierung dar und ist der eigentliche Hauptgrund dafür, dass das ehemals so prächtige Kloster Disibodenberg heute nur noch als Grundmauer-Ruine existiert.

Die Ruine als bequemes Baumaterial Wie im vorherigen Gespräch bereits thematisiert, wurde das Kloster 1559 im Zuge der Reformation geschlossen und später im Dreißigjährigen Krieg zwar schwer beschädigt, jedoch nicht gänzlich zerstört. Eine detaillierte historische Federzeichnung belegt sogar, dass die Umfassungsmauern der meisten großen Klostergebäude im Jahr 1724 noch nahezu vollständig intakt waren.

Die radikale physische Auslöschung der Architektur begann erst in den Jahrzehnten danach. Ab dem 18. Jahrhundert (nach manchen Quellen bereits im 17. Jahrhundert, teils sogar trotz offizieller Verbote) begannen die Bewohner der umliegenden Ortschaften Odernheim und Staudernheim, die ungesicherte Ruine systematisch als billigen und bequemen Steinbruch zu missbrauchen. Die Vorsitzende der heutigen Stiftung, Luise von Racknitz, fasst dieses Schicksal treffend zusammen: Das Kloster ist nach der Reformation im Grunde als Steinbruch genutzt worden, weshalb heute oft nur noch Reste der Grundmauern erhalten sind.

Der Höhepunkt der Demontage unter Privatbesitz Die systematische Ausbeutung der Ruine erreichte im frühen 19. Jahrhundert ihren dramatischen Höhepunkt. Während der französischen Besatzungszeit wurde das Areal zum Nationaleigentum erklärt und im Jahr 1809 an die bürgerlichen Familien Großarth und Gutenberger versteigert. Unter diesem Privatbesitz wurden die wertvollen, fein bearbeiteten Sandsteinquader der ehemals prachtvollen Abteikirche und der zisterziensischen Prunkbauten rücksichtslos in großem Stil abgetragen.

Spolien: Das klösterliche Erbe in der Nachbarschaft Die Steine des ehrwürdigen Klosters wurden für ganz profane, alltägliche Zwecke zweckentfremdet. Das abgetragene Material wurde genutzt, um private Wohnhäuser in den benachbarten Dörfern Odernheim und Staudernheim zu errichten und sogar die Pfeiler der Brücke in Staudernheim (Staudernheimer Brücke) von Grund auf zu erneuern.

Dieses massive architektonische Recycling hat bis in die Gegenwart sichtbare Spuren hinterlassen: Noch heute lassen sich in den Fassaden und Fundamenten zahlreicher Häuser in Odernheim und Staudernheim sogenannte Spolien(wiederverwendete, oft dekorative Steine aus der alten Klosteranlage) eindeutig nachweisen.

Rettung vor der völligen Auslöschung Dieser rücksichtslose, jahrzehntelange Steinabbau endete erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1840 beauftragte der damalige Eigentümer Peter Wannemann den berühmten Heidelberger Gartenbauinspektor Johann Metzger damit, die verbliebenen, stark dezimierten Ruinenreste in einen romantischen Landschaftspark nach englischem Vorbild umzugestalten. Diese gartendenkmalpflegerische Maßnahme stoppte die Funktion als Steinbruch endgültig und bewahrte die letzten hoch aufragenden Giebel und Mauerreste als melancholische Denkmäler der Vergänglichkeit für die Nachwelt.


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