Nachdem bereits die Kelten auf dem topographisch geschützten Plateau des Disibodenbergs ein regionales Waldheiligtum errichtet hatten, setzten die Römer diese sakrale Tradition nahtlos fort.
**Die Errichtung des Jupitertempels und die \*interpretatio Romana\*** Im Zuge der römischen Expansion und der administrativen Durchdringung des Nahegebietes wurde der ältere keltische Kultplatz nicht etwa aufgegeben. Stattdessen machten sich die Römer den Ort im Sinne der sogenannten interpretatio Romana zu eigen – also durch die Aneignung und Umdeutung lokaler Heiligtümer in ihr eigenes religiöses System. Sie übernahmen die heilige Stätte der Kelten und errichteten an genau derselben Stelle einen Tempel, der ihrem Hauptgott Jupiter geweiht war. In der Folgezeit bauten die römischen Eroberer diese Tempelanlage sukzessive und immer monumentaler aus.
Archäologische Beweise Dass diese römische Besiedlung und die rituellen Handlungen auf dem Berg tatsächlich stattfanden, ist archäologisch eindeutig belegt. Ausgrabungen haben zahlreiche Artefakte aus der Römerzeit zutage gefördert, die eine intensive und kontinuierliche kultische Nutzung beweisen. Diese Überreste der römischen Epoche können heute im barrierefreien archäologischen Museum der Stiftung am Fuße des Berges besichtigt werden.
Bedeutung für die "sakrale Kontinuität" Der nahtlose Übergang vom keltischen Waldheiligtum zum römischen Jupitertempel veranschaulicht eindrucksvoll das Phänomen der „sakralen Kontinuität“. Es zeigt, dass die physische Erhabenheit des Bergplateaus kulturübergreifend als inhärent numinos wahrgenommen wurde – also als ein Ort, der von Natur aus eine spürbare göttliche Präsenz ausstrahlt. Diese jahrhundertelange vorchristliche Tradition, die im römischen Jupitertempel gipfelte, bildete das direkte Fundament für die christliche Epoche: Als der irische Mönch Disibod später dort eintraf, knüpfte das Christentum ganz bewusst an diese heilige Stätte an, um der regionalen Bevölkerung den Übergang zum neuen Glauben zu erleichtern.