Reliquien und Wallfahrt

Im größeren Kontext des heiligen Disibod bilden Reliquien und Wallfahrt das entscheidende Bindeglied zwischen seinem bescheidenen, asketischen Eremitendasein und der späteren Entwicklung des Disibodenbergs zu einem weitreichenden klösterlichen Machtzentrum. Sein Tod bedeutete nicht das Ende seiner Wirkung, sondern war der Katalysator für eine jahrhundertelange Pilgertradition.

Das wundertätige Grab und die frühe Wallfahrt Nach seinem Tod um das Jahr 700 (einige Quellen nennen auch 674) wurde Disibod seinem eigenen Wunsch entsprechend in der Abgeschiedenheit seiner kleinen Einsiedelei am Osthang begraben. Doch schon bald nach seinem Ableben verbreitete sich sein Ruf als Heiliger, und sein als wundertätig geltendes Grab entwickelte sich rasch zu einer stark frequentierten Pilgerstätte. Dieser stetig wachsende Pilgerstrom aus der Region machte schließlich den Bau der ersten größeren Gebäude notwendig: Etwa 50 Jahre nach seinem Tod wurde aufgrund des Wallfahrtsbetriebs eine erste kleine Kirche auf dem Plateau errichtet.

Die Translation der Reliquien durch Bonifatius Die institutionelle Bedeutung dieser Wallfahrt wurde Mitte des 8. Jahrhunderts hochoffiziell zementiert. Der berühmte Mainzer Bischof Bonifatius (bekannt als der "Apostel der Deutschen") besuchte den Berg persönlich. Im Jahr 745 (Hildegard von Bingen nennt in ihrer hagiographischen Vita das Jahr 754) leitete Bonifatius die feierliche Translation (Überführung) der Reliquien. Die Gebeine Disibods wurden aus der einfachen Klause am Hang geholt und ehrenvoll unter den Altar der Hauptkirche auf dem Berggipfel gebettet. Dieser Akt integrierte den Wallfahrtsort fest in die kirchenpolitische Struktur des Mainzer Erzbistums.

Wiederholte Umbettungen und der verschollene Marmorsarkophag Weil die Reliquien das wichtigste spirituelle Kapital des Berges waren, wurden sie im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebettet, um sie der wachsenden architektonischen Pracht des Klosters anzupassen:

- Nachdem die Anlage durch Normannen und Ungarn zerstört worden war, ließ Erzbischof Willigis um das Jahr 1000 eine neue Kirche errichten und die Gebeine feierlich in den Neubau überführen, um die Wallfahrt neu zu beleben. - Während der Blütezeit des Benediktinerklosters erfolgte 1138 eine erneute Umbettung in die neu errichtete, monumentale romanische Pfeilerbasilika St. Nikolaus. - Dort ruhten die sterblichen Überreste Disibods in einem prachtvollen Marmorsarkophag direkt im Chorbereichhinter dem Altar, wo sie von den Pilgern tief verehrt wurden. Obwohl dieser Sarkophag heute verschollen ist, ist sein vermutliches Aussehen durch die Nachzeichnung eines alten Buchdeckels überliefert.

Bedeutung für die regionale Frömmigkeit Die Wallfahrt zum Grab des Gründers bildete das beständige Fundament des Klosters. Neue Schenkungen, das Wirken gelehrter Männer innerhalb der Klostermauern und die wachsende Zahl von Anhängern vergrößerten den Ruf des Berges als spirituelles Zentrum kontinuierlich. Das Erbe dieser Frömmigkeit ist langlebig: Wie die Quellen anmerken, werden der heilige Disibod und sein Vermächtnis in der Region um den Berg bis heute verehrt.


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