Das Konzept der „peregrinatio pro Christo“ (wörtlich: für Christus pilgern) ist der zentrale spirituelle und historische Beweggrund für die Wanderschaft des heiligen Disibod. Es beschreibt ein asketisches Ideal der iro-schottischen Mönchstradition, bei dem Geistliche ihre angestammte Heimat ganz bewusst verlassen, um auf weltliche Bindungen zu verzichten und als heimatlose Fremdlinge in der Welt ausschließlich Gott zu dienen.
Historischer Aufbruch und Motivation Den Quellen zufolge verließ Disibod um das Jahr 640 seine irische Heimat in Begleitung seiner Gefährten Giswald, Klemens und Sallust, um im Frankenreich zu missionieren. Der zeitgenössische irische Abt Adamnan von Iona fasste Disibods inneren Antrieb passend in den Worten zusammen, er sei aufgebrochen, weil er „für Christus pilgern wollte“ (pro Christo peregrinare volens).
Flucht vor weltlichen Konflikten und Exil In der hagiographischen Überlieferung – insbesondere in der rund 500 Jahre später von Hildegard von Bingen verfassten Vita Sancti Disibodi – wird diese Pilgerschaft noch vielschichtiger gedeutet. Hildegard schildert Disibods Aufbruch nicht nur als rein freiwilliges spirituelles Streben, sondern auch als ein Exil infolge massiver Widerstände. Da Disibods asketische Lehren und seine strenge moralische Disziplin vielen seiner Zeitgenossen in Irland zu hart waren, zog er sich den Hass von Kritikern zu und wurde schließlich unter vielen Beleidigungen aus seinem bischöflichen Amt vertrieben.
Anstatt jedoch in nutzlosen Konflikten zu verharren, nahm er seine Vertreibung mit glücklichem Gemüt als Anlass, jene Pilgerschaft anzutreten, nach der er sich tief im Inneren ohnehin schon lange gesehnt hatte, um Gott in Ruhe und Stille zu dienen.
Die spirituelle Suche nach Vollkommenheit Die peregrinatio war für Disibod also auch eine unermüdliche Suche nach der idealen monastischen Lebensform. Hildegard beschreibt, dass Disibod immer wieder von Ort zu Ort zog, weil er nirgendwo Gemeinschaften vorfand, deren Lebenswandel den hohen spirituellen Ansprüchen seiner Seele genügte. Aus diesem Grund bezeichnet Hildegard ihn in ihren liturgischen Kompositionen fortwährend als Exilanten, der rastlos nach einer wahrhaft perfekten religiösen Lebensform suchte.
Das Ende der Wanderschaft am Disibodenberg Diese extreme Form der Entsagung und die rund zehnjährige Wanderschaft durch das Frankenreich fanden erst ein Ende, als Disibod den Zusammenfluss von Nahe und Glan erreichte. Völlig erschöpft stieg er den Berg hinauf und erkannte durch eine göttliche Eingebung, dass er hier seine spirituelle Ruhe finden würde. Auf dem unwirtlichen Berg konnte er sich schließlich in eine streng isolierte Einsiedelei zurückziehen und sich jenen extremen Fasten- und Gebetsübungen widmen, die das eigentliche Ziel seiner peregrinatio pro Christo darstellten.